Seit nunmehr 51 Jahren arbeite ich als freiberufliche Journalistin, Filmemacherin, Dozentin und Autorin. Ich habe nur wenige Male überlegt, eine feste Stelle anzunehmen, weil mich die Vielfalt der Arbeit stets fasziniert hat. Es war der Reiz der Herausforderung, sich immer wieder in neuen Themengebieten auszuprobieren, dabei sogar „unbekannte“ Talente zu entdecken.
Als Kind habe ich immer davon geträumt, Artistin zu werden. Filmemacherin zu sein, das lag außerhalb meines Vorstellungsvermögens.
Ich wurde am 13. Juni 1948 als jüngste von drei Schwestern in Hamburg geboren. Mein Vater war Maschinenschlosser, meine Mutter Hausfrau. Es war eine Kindheit in einer von autoritären Strukturen geprägten Arbeiterfamilie. Im Rückblick haben mich politisch die heftigen Debatten mit meinem Vater geprägt, der unbeirrbar zum Nationalsozialismus stand. Bei mir hat das eine politische „Streitlust“ und Haltung hervorgerufen, die sich später als roter Faden durch mein Leben ziehen sollte. Autoritäre Strukturen erlebte ich auch in dem Finanzamt, in dem ich nach der Mittleren Reife eine Ausbildung absolvierte. Damals hatte ich nur den Wunsch: Nichts wie weg hier!
Mein Traumziel war West-Berlin, weil ich dort auf einer Klassenfahrt einen Jungen kennengelernt hatte, mit dem ich täglich 20-seitige Briefe austauschte, mein ganz persönlicher Einstieg in die Lust am Schreiben.
Im November 1966 zog ich mit 18 Jahren nach West-Berlin. Die knapp zehn Jahre in dieser Stadt führten letztendlich zu dem Leben, das ich bis heute führe.

Schnell stand Politik mit an oberster Stelle. Nachdem ich 1970 auf dem „Zweiten Bildungsweg“ mein Abitur gemacht hatte, studierte ich Politische Wissenschaft an der FU. Ich bin die erste in meiner Familie, die Abitur gemacht und studiert hat. Im Glauben an eine neue, bessere Gesellschaft schloss ich mich dem SDS schon 1968 an, weil ich dachte, wir könnten die Welt aus den Angeln heben. Bald ging es mir dann aber vor allem um uns Frauen. Für uns wollte ich die Welt gerechter, lebens- und liebenswerter gestalten. Nahtlos ging mein Weg von der Studenten- zur Frauenbewegung. Ich wurde Mitbegründerin des Frauenzentrums West-Berlin.
Gemeinsam mit politisch engagierten Frauen und Männern lebte ich in einer Wohngemeinschaft, in der gemeinsam politische Bücher (Marx& Co) gelesen und diskutiert wurden. Kaum zu glauben heute, aber das hat mir Spaß gemacht.
1975 löste sich unsere Wohngemeinschaft auf, und ich zog nach Köln. Konkrete berufliche Pläne- eher nicht, nur die Idee: „Irgendwas mit politischer Bildung für Frauen“. Durch die Bekanntschaft mit der engagierten Journalistin Claudia Pinl bekam ich Kontakt zum Kölner Frauenzentrum und damit zu Frauen, die auch den Feminismus in die Volkshochschule tragen wollten.
Ein Stipendium der Friedrich-Ebert-Stiftung sicherte mir vorerst meinen Lebensunterhalt und so konnte ich meine Dissertation schreiben und 1978 abschließen. Drei Jahre später erschien eine gekürzte Version als Buch mit dem Titel „Frauenarbeit im Abseits. Frauenbewegung und weibliches Arbeitsvermögen“.
Aufgrund meiner Kenntnisse über das Leben und die Arbeit von Frauen im Mittelalter, inklusive der Bildquellen, startete ein neuer Berufsabschnitt. 1979 lernte ich die Journalistin Inge von Bönninghausen kennen, die damals die erste politische Frauensendung in der ARD plante. 1980, mit dem Start der Sendung „Frauen-Studien“ (heute Frau tv), erhielt ich von Inge die Chance, Filme zu drehen. Die ersten beiden längeren Filme handelten von mittelalterlichen Frauen. Später wurde aus der Sendung das heutige Magazin „Frau tv“. Mein Themenspektrum: Frauen in Krisensituationen: Ehe, Scheidung, Gewalt und Traumata und viele Porträts von Frauen mit Vorbildfunktion. Seit 16 Jahren Schwerpunkt: Frauen aus Einwandererfamilien und Geflüchtete.
Gleichzeitig arbeitete ich ab 1975 als Dozentin an verschiedenen Volkshochschulen in Nordrhein-Westfalen. Die Arbeit zusammen mit Edda Janssen für „Frauen aus Stadtteilinitiativen im Ruhrgebiet“ ist mir bis heute Erinnerung- besonders die mutigen und durchsetzungsstarken Ruhrgebietsfrauen.

Eine weitere Station meines Berufslebens war die freiberufliche Mitarbeit an der wissenschaftlichen Begleitung der „Zufluchtsstätte für Mädchen und junge Frauen in Krisensituationen“, geleitet von der Soziologin Gudrun Keller (Projekt der IMMA e.V. in München). Durch diese Arbeit rückten Probleme junger Frauen stärker ins Zentrum meiner beruflichen Arbeit und meines feministischen Engagements.
Ab Mitte der 1990er Jahre habe für die Landeszentrale für politische Bildung NRW
Filme gedreht. Gegen Sexismus, Rassismus und Antisemitismus – für Frauenrechte, Demokratie und Freiheit, das prägt seit dieser Zeit mein politisches und filmisches Engagement.
Bei vielen solcher Filmprojekte arbeitete ich mit dem engagierten Kameramann und Produzenten Jarek Presnück eng zusammen. Kennengelernt haben wir uns schon 2006. Größere Filme machen wir seit 2014! Die filmische Begleitung einer Gruppe Jugendlicher aus verschiedenen Migrantenfamilien aus dem Projekt „HeRoes“ – Duisburg nach Auschwitz – war eine der ersten großen Herausforderungen.
Diese Jugendlichen, zu denen auch zwei jungen Frauen gehörten, haben Jarek und ich als Gruppe und einzeln bis 2022 in gewissen Zeitabständen begleitet. Mich hat die Arbeit im Ruhrgebiet wieder näher zu meinen Wurzeln als Arbeiterkind gebracht. Eine enge Freundschaft mit einigen Jugendlichen ist bis heute geblieben!
Einschneidend für mein persönliches und filmisches Engagement war vor allem auch die Begegnung mit Sonja Fatma Bläser vom Verein HennaMond e.V., Köln im Jahr 2006. Sonja Fatma hat sich schon in den 1980er Jahren für Mädchen und Jungen aus Einwanderungsfamilien, für Geflüchtete eingesetzt. Durch sie lernte ich viel über erzwungene Ehen, die Bedeutung der Jungfräulichkeit und der Vorstellungen von Ehre in vielen Familien. Unzählige Filme sind daraus bis heute entstanden.
Als Referentin und Dozentin habe ich an verschiedenen Institutionen gearbeitet. In den 1990er Jahren machte ich für Frauen aus dem gesamten Bundesgebiet eine mehrtätige Flandernreise mit dem Titel: „Auf den Spuren mittelalterlicher Frauen“ – besonders der Beginenbewegung. Organisiert vom Verein „Frauenstudien München e.V.“
Will ich mich zur Ruhe setzen: Nein, das will ich nicht!!
Mittlerweile lebe ich vorrangig von einer kleinen Rente und Sozialleistungen, da der WDR seit einiger Zeit Menschen im Rentenalter nicht mehr beschäftigt.
An meiner Lust, Geschichten in Bildern zu erzählen, hat sich nichts geändert. Weitere Zukunftswünsche: Wieder Studienreisen nach Belgien zum Thema „Frauen im Mittelalter“ zu machen. Ein neues Projekt wäre auch schön: Treffpunkt von drei Generationen von Einwander:innen.

Kurze Auswahl von Veröffentlichungen
„Schwesternstreit. Von den heimlichen und unheimlichen Auseinandersetzungen zwischen Frauen“. Mitautorin. Rowohlt Verlag, Hamburg, 1984.
„Frauenarbeit im Abseits. Frauenbewegung und weibliches Arbeitsvermögen“. München 1981. 431 Seiten, Verlag Frauenoffensive (überarbeitete und verkürzte Fassung meiner Dissertation).
„Die verborgene Geschichte der Frauenarbeit. Eine Bildchronik“. 160 Seiten mit umfangreichen Abbildungen. Beltz Verlag, 1983. Seit 1994 zusätzlich als Taschenbuch im Heyne Verlag.
Autorin: Anke Wolf-Graaf
