„Ich möchte Mädchen und Frauen Mut machen, dass sie auch in schweren Zeiten nicht das Vertrauen und die Hoffnung verlieren in die eigenen Fähigkeiten und Begabungen.“

Diese persönliche Botschaft hat Philomena Franz uns am 10.5.2022 für den Kölner Frauen*Stadtplan übermittelt, kurz vor ihrem 100. Geburtstag.

Philomena Franz wuchs in privilegierten Verhältnissen auf, die Mutter war Sängerin, der Vater Cellist.  Schon als Sechsjährige tanzte und sang sie in der Öffentlichkeit. 1938 wurde sie zur Gestapo vorgeladen und als Objekt der „Rassen-Sippenforschung“ vermessen. „Aus rassischen Gründen“ musste sie die Mädchenoberschule verlassen. Ihre Familie wurde aufgrund des „Festsetzungserlasses gegen Zigeuner“ erkennungsdienstlich erfasst und durfte den Wohnort nicht mehr verlassen. Die Musiker*innen kamen alle zum Arbeitsdienst/einsatz. 1941 leistete Philomena Zwangsarbeit in einer Munitionsfabrik. 

© Philomena Franz

Zwei Jahre später wurde Philomena Franz verhaftet und deportiert. Ihr Bruder „kämpfte an der Front fürs Vaterland.“ In Auschwitz überlebte sie in der Extraabteilung für Zigeuner Unsagbares. Große Teile ihrer Familie wurden ermordet. Ihr christlicher Glaube half ihr, den Lebensmut nicht zu verlieren.  Zur Unterhaltung von NS-Führern musste sie singen, besonders beliebt war das Soldatenlied „Heimat, meine Sterne“. Philomenas Schulbildung verhalf ihr zu einer Arbeit im Außenlager in Wittenberg. Die Phrix-Werke-AG ließ die Häftlinge im Akkord Flugzeugteile herstellen. Die Verbesserung ihrer Lage empfand sie als Geschenk, es gab einen Aufseher, der ein „anständiger Mensch“ war. Ihr Kartenlegen wurde mit Brotscheiben vergütet.

Im KZ Ravensbrück scheiterte ein Fluchtversuch, was Folter und mehrere Tage Stehbunker zur Folge hatte. Doch kurz vor Kriegsende entkam sie durch einen Fluss und wurde nach langem Fußmarsch durch einen Wald ohnmächtig aufgefunden, von einer Familie aufgenommen und versorgt.  Als die US-Besatzer kamen, zeigte sie ihre tätowierte Nummer und erzählte ihre „Gipsy“-Geschichte.

Mit Hilfe von GIs gelangte sie zurück nach Stuttgart, fand das ehemalige Haus der Familie zerstört und machte mühsam einen Bruder und die Mutter ausfindig. Der große Teil der Sippe – auch fünf von sieben Geschwistern – war im Holocaust ermordet worden. Philomena bildete mit ihrem Bruder und einem weiteren Sinto eine Band, sie musizierten für die Besatzungstruppen. In der Not der Nachkriegszeit entwickelte sich eine neue Normalität.

Philomena Franz lernte ihren Mann kennen, einen Sinto und Musiker, zwölf Jahre älter als sie. 1946 wurde das erste Kind der beiden geboren, eine Tochter, es folgten vier Söhne. Die erste Frau ihres Mannes war mit ihren Kindern in Auschwitz ermordet worden.

Als einer von Philomenas Söhnen in der Schule Anfang der 60 er Jahre schlimm beleidigt wurde, begann sie entschieden mit der historischen Aufklärungsarbeit in Schulen.  In der Verantwortung für die Bewahrung der Geschichte und im Gedanken der Versöhnung sprach sie vor Publikum, ohne Zorn, auch an Volkshochschulen und in der Universität. Jahrzehntelang. Sie dachte nie daran, ihre Tätowierung entfernen zu lassen. Sie sah die Nummer als Zeichen, dass nie wieder passieren darf, dass „Menschen gedemütigt werden wie Viecher, denen man einen Stempel aufdrückt.“

1985 erschien ihre Autobiografie “Zwischen Liebe und Hass. Ein Zigeunerleben.“ Das Buch ist eines der ersten von Überlebenden des Porajmos.

„Wenn wir hassen, verlieren wir. Die Liebe Macht uns reich“,

lautet ihr Credo bis heute.
© Philomena Franz

Philomena Franz ist fast 100 Jahre alt. Ihren Mann und ihre fünf Kinder hat sie alle überlebt.

Es gibt Vorschläge, eine Straße und eine Gesamtschule nach ihr zu benennen. Der Rösrather Schriftsteller Matthias Buth hat 2021 das Philomena-Franz-Forum gegründet, um die Kulturgeschichte der Sinti ins öffentliche Bewusstsein zu rücken, ihre Zugehörigkeit, ihre Verfolgung und Stigmatisierung. Zum 100. Geburtstag am 21.7. 2022 wird eine Tagung mit Teilnehmenden aus Musik, Publizistik, Wissenschaft und Politik stattfinden.

Das Kulturamt Rhein. Berg. Kreis ermöglichte eine Filmaufzeichnung auf you tube zum Gedenktag der Befreiung von Auschwitz am 27.1.2021, in der Philomena Franz aus ihren Erinnerungen erzählt.

Autorin: Ina Hoerner-Theodor