Bis Anfang des 20. Jahrhunderts waren es ausschließlich Männer, die die Damenmode bestimmten. Die Vorlieben wechselten. Mal sollten sich die Frauen keusch und züchtig kleiden, dann eher frivol und offenherzig. Seit der Barockzeit war das Korsett – von kurzen Ausnahmen abgesehen – unverzichtbarer Bestandteil der Damenkleidung. Während die „Rundungen“ des Körpers – Brust, Po und die Hüften – betont wurden, sollte durch Schnürung des Korsetts möglichst so etwas wie eine „Wespentaille“ entstehen. Das möchten die Herren ganz reizvoll finden, für die Frauen war es jedoch eine Qual, die zu Ohnmachtsanfällen und gesundheitlichen Schäden führte. Erst Ende des 19. Jahrhunderts wurden Forderungen nach einer Kleidung laut, die den Körper nicht einschränkte. Zu den Verfechterinnen der „Reformkleidung“ gehörte auch Clara Sander.

Clara Loeser wurde am 1. Februar 1871 in Frankfurt am Main geboren. Ihre jüdische Familie war wohlhabend, gebildet und verfügte über internationale Kontakte. 1882 siedelten Gabriel und Bertha Loeser mit den beiden Töchtern ins belgische Lüttich über, wo der Vater als kaufmännischer Direktor einer Zinkhütte arbeitete. Wie ihre Schwester erlebte auch Clara die behütete Kindheit einer „höheren Tochter“ mit Klavierunterricht, Theaterbesuchen und gesellschaftlichen Aktivitäten. Doch als sie ihre Schulausbildung beendet hatte, langweilte sie sich entsetzlich. Weil junge Damen aus der Oberschicht damals keine Möglichkeit hatten, einen Beruf zu ergreifen, fehlte ihr eine befriedigende Aufgabe. In ihren Erinnerungen schrieb sie später: „So schlug ich die Zeit tot und war mit mir selbst und der Welt unzufrieden…Soziale Arbeit war Sache der Mütter. Die wohlbehüteten Töchter durften sich nur im Haus betätigen. Um aus diesem engen Kreis herauszukommen, verlobte ich mich mit 21 Jahren mit Vetter Gustav.“

Clara Sander
Fotografin: Unverdruß
NS-Dok (Bp 31823)

„Vetter Gustav“, sieben Jahre älter als Clara, arbeitete als Rechtsanwalt. Die beiden heirateten am 14. Januar 1897 in der Synagoge von Lüttich. Nach der Hochzeit zog das frischgebackene Ehepaar nach Köln, das Clara bereits von früheren Verwandtschaftsbesuchen ganz gut kannte. Ein neues Zuhause fanden sie zunächst in der Mohrenstraße 3, wo auch die drei Kinder zur Welt kamen. Im Dezember 1897 wurde Gabriele geboren, eine spätere Sängerin und Klavierlehrerin. Ein Jahr danach folgte Sohn Otto, der 1917 an einem nicht näher bekannten, vermutlich psychischen Leiden erkrankte und viel Zeit in Kliniken und Heilstätten verbringen musste. Er starb mit 25 Jahren, offiziell an einer Lungenentzündung, vermutlich aber nahm er sich selbst das Leben. Bertha, das dritte Kind, wurde 1901 geboren. Sie machte sich später als eine der ersten Innenarchitektinnen einen Namen, bevor sie 1936 aus Deutschland fliehen musste.

In Köln fand Clara Sander schließlich das Betätigungsfeld, das sie so lange vermisst hatte: Engagement für eine bequemere und gesündere Damenmode. In ihren Erinnerungen schrieb sie: „Man kann sich heute kaum die Narrheit vorstellen, die sich in der Frauenkleidung zeigte, wie sie um die Jahrhundertwende war. Die Gestalt der Frau glich damals einer Sanduhr. Was in der Körpermitte zusammengepresst wurde, quoll unterhalb und oberhalb hervor. Hüfte und Brüste mussten voll und rund sein. Wo etwas fehlte, wurde durch eine Polsterung nachgeholfen.“

Schon seit Jahren hatten Ärzte immer wieder vor den gesundheitlichen Gefahren des Korsetts gewarnt. Um dem entgegenzutreten, hatte sich bereits 1897 in Berlin der „Deutsche Verband zur Verbesserung der Frauenkleidung“ etabliert und damit eine breite Bewegung ins Leben gerufen. 1903 gründete Clara Sander mit einigen Mitstreiterinnen einen Kölner Ableger. Eine ihrer wichtigsten Partnerinnen wurde Else Wirminghaus, die Klavierlehrerin ihrer Töchter. Clara Sander erinnerte sich: „Sie selbst hatte keine Ahnung von Kleideranfertigung, aber sie war fest überzeugt, dass eine Emanzipation der Frau unmöglich war, solange sie die Knechtschaft der Mode ertrug und durch die Einschnürung der Körpermitte sich allerhand Gebrechen zuzog, die sie im Wettbewerb mit dem Mann ins Hintertreffen brachten.“

Kölner Frauengeschichtsverein

Engagiert traten die Frauen daher für die sogenannte „Reformkleidung“ ein, die locker den Körper umspielte und den Frauen mehr Bewegungsfreiheit gab. Doch die Mode wurde nur von einer Minderheit akzeptiert. Die ersten Modelle waren taillenlos und wurden wechselweise als „Reformsack“ oder von den Kölnerinnen als „Nachthemd“ verspottet. Dennoch ließen sich Clara Sander und ihre Mitstreiterinnen nicht beirren. Um auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen, organisierten sie eine öffentliche Versammlung im Gürzenich und richteten eine Beratungsstelle ein, die jeden Donnerstag geöffnet war.

Clara Sander war durchaus bewusst, dass sich der schlichte Schnitt des Reformkleides niemals durchsetzen würde. Die Frauen wollten schließlich nach wie vor hübsch aussehen. Also engagierte sie mehrere Modezeichnerinnen, die eine Kleidung entwarfen, die „gut um die Hüften anschloss, also nicht herumschlotterte“. Man kann sagen, ganz im Stil von Coco Chanel, die später in Paris eine ganz ähnliche Mode kreierte, allerdings für die Durchschnittsfrau kaum bezahlbar.

Damit sich alle Frauen die neuen Kleider leisten konnten, gab es die Möglichkeit, in der Beratungsstelle entsprechende Schnittmuster auszuleihen. Eine Modenschau im renommierten Hotel Disch an der Brückenstraße (heute Dischhaus), bei der zwanzig Kleidermodelle gezeigt wurden, stieß bei den Kölnerinnen auf großes Interesse.

Kölner Frauenzeitung 27 von 1914, Kölner Frauengeschichtsverein

Spätestens nach dem Ersten Weltkrieg setzte sich die neue Damenmode tatsächlich durch. Für Clara Sander bedeutete das, dass sie sich nach einem neuen Betätigungsfeld umsehen musste. In den zwanziger Jahren unterstützte sie ihre Tochter Bertha, die sich als talentierte Innenarchitektin erwies, und warb in ihrem großen, einflussreichen und wohlhabenden Bekanntenkreis um Aufträge.

Nach einem ersten Schicksalsschlag, den sie durch den frühen Tod ihres Sohnes erlitten hatte, musste sie wenig später einen weiteren Todesfall verkraften: Ihr Mann Gustav starb am 1. September 1928 an den Folgen einer Blutvergiftung.

Umso enger wurde nun die Bindung an Tochter Bertha. Als sie Repressionen durch die Nationalsozialisten immer unerträglicher wurden, emigrierten Clara und Bertha Sander 1936 nach Großbritannien, wo sie gemeinsam in einem Haus nahe London lebten. In den letzten Jahren verschlechterte sich Claras Gesundheitszustand so sehr, dass sie auf die Pflege durch Bertha angewiesen war. Sie starb im Frühjahr 1958 im Alter von 87 Jahren, von der Nachwelt längst vergessen.

Autorin: Karin Feuerstein-Prasser

Quelle: Material Kölner Frauengeschichtsverein