Bereits mit drei Monaten übersiedelte ich mit meinen Eltern nach Caracas/Venezuela, wo mein Vater für drei Jahre an die deutsche Botschaft berufen wurde. Nach kurzem Aufenthalt in Bayern, wo meine beiden Schwestern, eineiige Zwillinge, geboren wurden, ging es für die ganze Familie für vier Jahre nach Perú, wo mein Vater für die deutsche Botschaft in Lima tätig war.

© Michael Maurissens

Diese Zeit bedeutete die stärkste Prägung in meiner Kindheit: fast täglich Schwimmen im Meer, meine Grundschulzeit, das Erlernen der Spanischen Sprache als zweite ‚Muttersprache‘, das Zusammenleben mit zwei indigenen Haushaltshilfen, Besuche von Inka- und Präinkakulturstätten, Buntheit und Exotik von Pflanzen und Tieren, üppigste Märkte und gleichzeitig Armut und Elendsviertel in unserer nächsten Umgebung, die peruanische Küche mit Ceviche und den vielfältigsten Fischgerichten, sehnsuchtsvolle Musik, Tanz und Rhythmus, aber auch die wunderschöne, langhaarige Heilige Rosa von Lima und ein sehr naiv gelebter Katholizismus ….. Vielfältigste Eindrücke einer andinen, aber leider auch sehr kolonial geprägten Kultur ließen in mir schon früh Fragen nach Gerechtigkeit und Zugehörigkeit aufkommen. Es blieb für mich eine lebenslange Sehnsucht, wieder zu meinen lateinamerikanischen Wurzeln zurückzukehren – einer Kindheit zwischen bayrischem und lateinamerikanischem Barock.

„Unterwegs sein, immer wieder aufbrechen, neues suchen, weiter entdecken – Begegnungen mit Menschen …..“

  Angie Hiesl über sich selbst

Mitte der sechziger Jahre ging es zurück nach Deutschland, ins Rheinland, wo ich im Hinterland von Bonn, rechtsrheinisch aufwuchs. Diese Zeit, nach der Rückkehr aus Perú, begann mit der Erfahrung, dass ich erst einmal richtiges Schul-Deutsch lernen musste und nach einem Jahr fünfte Volksschulklasse ins Sacre Coeur Mädchen-Gymnasium kam. Schule war nicht meine Leidenschaft, dafür aber das Kunstturnen, die rhythmische Sportgymnastik und das Theaterspielen. Besuche von Sonntagsmatineen im Ballett Bonn ließen den Traum, selber einmal zu tanzen oder gar als Künstlerin zu leben, immer wacher werden.

Die Olympischen Spiele 1972 in München entzündeten in mir ein regelrechtes Brennen für die Kunst. Bei diesen Spielen kam zum ersten Mal wieder der griechische Ursprungsgedanke der Verbindung von Kunst und Sport zum Tragen. Täglich hielt ich mich auf dem Gelände der sogenannten Spielstraße, von Werner Runau konzipiert, und der Bühne am See auf, wo die angesagtesten Off-Theatergruppen aus aller Welt experimentelles, zeitgenössisches Theater präsentierten. Aber die Kunst und der Sport wurden durch die tragische Geiselnahme im olympischen Dorf erschüttert.

"TWINS - how do I know I am me..."  Liverpool/UK - 2009 A project by Angie Hiesl and Roland Kaiser
„TWINS – how do I know I am me…“ Liverpool/UK – 2009 A project by Angie Hiesl and Roland Kaiser, © Roland Kaiser

Nach dem Abitur studierte ich von 1975 bis Anfang der 1980er Jahre an der Deutschen Sporthochschule in Köln (SpoHo), wo ich mich auf Bewegungstheater und Elementaren Tanz spezialisierte. Ich hatte mich nur sehr zögerlich an die Kunst herangetraut. Hier kreierte ich u.a. mein erstes, für mich sehr wichtiges, Tanzsolo zu Vokalmusik von Lauren Newton. Ich fiel mit meinem Abschlussstück in Bewegungstheater erst einmal durch, da es zu eigenwillig war, nicht der Ästhetik und den Lehrinhalten entsprach. Ich merkte sehr schnell, dass mich meine Suche doch weiterführen würde und so setzte ich auf einem selbstgewählten Weg meine ‚Ausbildung‘ fort. An der SpoHo erhielt ich die Grundlagen für meine Unterrichtstätigkeiten – Graziela Padilla, Maja Lex sowie Anna und Wolfgang Tiedt waren meine geschätzten Dozent*innen! So kam es auch, dass ich sehr früh anfing, zu unterrichten, noch vor meinem eigenen Kunstschaffen.

Die Akademien und Hochschulen waren weniger interessant. Ich war ein Kind der Off-Szene. Ich suchte mir die Lehrer und Lehrerinnen, die mich speziell interessierten, wie u.a. Jerzy Grotowski mit seinem legendären Theater in Wroclaw/Polen, der den Bühnenraum und die Aktion der Schauspieler*innen auf sehr eigene Weise neu definierte sowie das Living Theater mit seinen radikalen, politischen Straßenaktionen, und ich lernte die Schauspielmethode nach Lee Strasberg kennen.

© Roland Kaiser

In die Zeit fiel auch der Beginn des Theaterzirkus Piccolini, dessen Mitbegründerin ich war – wir gehörten zu den Initiator*innen des neuen Straßentheaterzirkus‘ in Deutschland.

Die Frauenbewegung der 1970er und 80er Jahre zog mich in ihren Bann. Meinen Weg zu gehen, sah ich als selbstverständlich an, auch wenn es für uns Frauen oft doppelt so schwer war, wie für unsere männlichen Kollegen, was mir bereits meine Mutter vermittelt hatte.

Die Besetzung der legendären Stollwerckfabrik in der Kölner Südstadt 1980 war der Beginn meiner eigenen künstlerischen Arbeit. Bis zum Ende der Stollwerckzeit 1987 habe ich mich fast täglich dort aufgehalten, hatte dort meinen Arbeitsbereich und habe für die unterschiedlichsten Räumlichkeiten Performances und Installationen kreiert, angetrieben vom damaligen Zeitgeist. Neben Soloarbeiten waren es auch Projekte, bei denen ich andere Künstler*innen mit inszenierte – z.B. dort angesiedelte Musiker*innen. Dieses Gelände bedeutete für mich fast grenzenlose künstlerische Freiheit – ich konnte frei experimentieren, habe inter- bzw. transdisziplinär und rein ortsspezifisch gearbeitet. So kam es auch, dass ich zu den ersten deutschen Künstler*innen im darstellenden Kunstbereich gehöre, die ausschließlich ortsspezifisch gearbeitet haben.
Selbst dieser so progressive Ort, das Stollwerck, war primär männlich geprägt, und es bedeutete für uns wenige Frauen extra Einsatz und Durchsetzungsvermögen, sich gegen die männlichen Kollegen zu behaupten.

Diese Zeit gesellschaftlicher Brüche, von Hausbesetzungen und politischen Kämpfen für Frieden und soziale Gerechtigkeit, war prägend für die Entwicklung der Freien Szene. Über längere Zeit war es ein sehr harter Weg, denn erst allmählich entstanden Fördersysteme, die unsere Arbeit kontinuierlich ermöglichten. So gehörte der kulturpolitische Kampf für mich immer zur künstlerischen Arbeit dazu.

Nach der Stollwerck-Zeit folgten mehrere Großprojekte wie z.B. die Performances „Die Rose ist rot und flatterhaft. manchmal flatterhaft in seinen Erscheinungen…“ u.a. im Neptunbad Köln 1988, „Rhein…Rhein…Rhein…ROT… zwischen Schöpfung und Erschöpfung…“ an und auf der Südbrücke Köln 1990 oder „x-mal Mensch Stuhl“ Aktions-Installation/Fassaden-Inszenierung in Köln 1995 und danach in vielen internationalen Städten.

UNFASSBAR performance and installation project by Angie Hiesl and Roland Kaiser, 2021,
UNFASSBAR performance and installation project by Angie Hiesl and Roland Kaiser, 2021, © Roland Kaiser

Seit 1997 arbeite ich mit meinem Partner Roland Kaiser künstlerisch zusammen. Unsere Arbeit bewegt sich an der Schnittstelle von performativer und bildender Kunst. Die vornehmlich für „kunstfremde“ Orte im privaten und öffentlichen Raum konzipierten Arbeiten werden bundesweit und international gezeigt. Unsere performativen Interventionen lassen neue Zusammenhänge entstehen, kondensieren die örtlichen Besonderheiten und setzen sie in Bezug zu gesellschaftlichen Phänomenen. Thematische Koordinaten sind das Verhältnis zwischen menschlichem Körper und Raum/Architektur sowie der Mensch in seinem kulturellen, sozialen, politischen und globalen Umfeld. Eine Einladung für Publikum und Passanten, einen neuen Blick auf vertraut Geglaubtes zu werfen, eine Ver-Rückung der Realität. An Akademien und Hochschulen vermitteln wir unseren Arbeitsansatz.

Seit vielen Jahren werden wir von der Stadt Köln konzeptionell gefördert und erhalten die Spitzenförderung des Landes NRW, wofür wir sehr dankbar sind.

www.angiehiesl-rolandkaiser.de

Autorin: Angie Hiesl