Geschlecht als Lebensthema

Birgit Palzkill wird 1952 in Aachen geboren. Die Frage danach, was Geschlecht ausmacht und was es bedeutet, ein bestimmtes Geschlecht zu haben, begleitet Birgit von Kindesbeinen an. Schon das sechsjährige Kind beobachtet genau und kommentiert die Geschlechterbilder der 50er Jahre mit dem Satz: „Ich heirate nie“. Diese Prophezeiung bewahrheitet sich zwar nicht ganz, denn Jahrzehnte später wird es auch Lesben erlaubt sein zu heiraten. Aber die Auseinandersetzung mit Fragen von Geschlecht bleibt ein Lebensthema und durchzieht Birgits sportliche, berufliche, (frauen*)politische und wissenschaftliche Aktivitäten bis heute.

Sportkarriere

1967 entdeckt eine Sportlehrerin Birgits sportliches Talent und vermittelt den Kontakt zu einem Sportverein. Damit ist der Grundstein für eine steile Karriere zunächst in der Leichtathletik und ab 1972 im Basketball gelegt. Birgit wird in beiden Sportarten ins Nationalteam berufen und erringt bis zum Ende der Karriere im Jahr 1983 zahlreiche deutsche Meisterschaften und Erfolge auf internationalem Parkett.

© LSB NRW Andrea Bowinkelmann

Ausbildungen und berufliche Tätigkeiten

Nach einem Diplom in Mathematik entscheidet sich Birgit 1976 gegen ein Leben am Schreibtisch und für die Arbeit mit Menschen, studiert als zweites Fach Sport und arbeitet ab 1980 als Lehrkraft an einer Gesamtschule. Daneben bildet Birgit sich in feministischer Sozialtherapie fort, macht ein Diplom in Supervision und verlegt den Schwerpunkt der Arbeit auf die Beratung von Schüler*innen und die Fortbildung von Lehrkräften. Einer Promotion in Sportsoziologie folgen ab 1990 nebenberufliche wissenschaftliche Tätigkeiten.

Lesbische Sichtbarkeit im Sport

In Köln erlebt Birgit in den 70er und 80er Jahren den Aufbruch der Frauen- und Lesbenbewegung und lernt Frauenbilder und Lebensentwürfe kennen, die bis dahin undenkbar schienen. Birgit verliebt sich in eine Frau und lebt offen als Lesbe. Im sportlichen Umfeld ist es keine Seltenheit, lesbisch zu leben. Doch das Thema ist völlig tabuisiert und kaum ansprechbar. Mittels einer Interviewstudie findet Birgit einen Weg, mit anderen Lesben im Sport ins Gespräch zu kommen und die Sprachlosigkeit zu überwinden. 1990 erscheint das Buch „Zwischen Turnschuh und Stöckelschuh – Identitätsentwicklung lesbischer Frauen im Leistungssport“, das große mediale Aufmerksamkeit erfährt. Es trägt entscheidend zur Sichtbarkeit von Lesben im Sport bei und wird zum Wegweiser für eine ganze Generation von lesbischen Sportler*innen.

Feministische Sport- und Bewegungskultur

Seit Ende der 1980er Jahre engagiert sich Birgit in der Frauen- und Lesbensportbewegung. 1991 erscheint das Buch „Bewegungs(t)räume“, das Birgit zusammen mit Heidi Scheffel und Gabriele Sobiech herausgibt. Es stellt Ansätze der feministischen Sport- und Bewegungskultur dar und thematisiert erstmals sexualisierte Gewalt und deren Auswirkungen auf die Sport- und Bewegungsentwicklung von Mädchen und Frauen.

Sexualisierte Gewalt

Das Thema „sexualisierte Gewalt“ durchzieht die Arbeiten von Birgit wie ein roter Faden. Birgit bietet seit den 80er Jahren Selbstbehauptungskurse für Schülerinnen an, lehrt Lehrerinnen, sich gegen sexistische Grenzverletzungen zu behaupten und berät Schulen bei der Entwicklung von Schutzkonzepten.

1996 beauftragt das Frauenministerium NRW Birgit Palzkill und Michael Klein mit der Erstellung einer Pilotstudie zum Thema „Gewalt gegen Mädchen und Frauen im Sport“. Das Thema ist in den 1990er Jahren noch sehr tabuisiert, und so werden die Autor*innen in der Folge mit viel Aggressivität, Anfeindungen und Diffamierungen konfrontiert. Doch trotz aller Widerstände wird die Studie zum Grundstein für die Entwicklung von Präventionskonzepten gegen sexualisierte Gewalt im Sport und erfährt nach 2010 breite Anerkennung. Seit 2016 ist Birgit als unabhängige Beauftragte des Landessportbundes NRW zur Prävention sexualisierter Gewalt im Sport tätig.

© 2020, Verlag Cornelsen

Für den Mut, tabuisierte Themen aufzugreifen und trotz aller Anfeindungen einen klaren feministischen Standpunkt geltend zu machen, wird Birgit Palzkill 2010 mit dem Inge von Bönninghausen-Preis „Sternschnuppe“ ausgezeichnet.

Queerer Feminismus

Mit der Entwicklung dekonstruktivistischer und queerer Geschlechtertheorien gerät in den 1990er Jahren die Annahme ins Wanken, dass es natürlicherweise nur genau zwei Geschlechter gebe. Die Vielfalt von Geschlecht und die Existenz nicht-binären Lebens wird zunehmend sichtbar. Birgit greift diese Diskussion 1995 in der Neuauflage des Buches „Zwischen Turnschuh und Stöckelschuh“ auf und engagiert sich seither für einen queeren Feminismus, der für geschlechtliche Vielfalt, sexuelle Vielfalt und die Gleichberechtigung der Geschlechter eintritt. 2020 veröffentlicht Birgit zusammen mit Heidi Scheffel und Frank Pohl im Schulbuchverlag Cornelsen das Grundlagenwerk: „Diversität im Klassenzimmer – geschlechtliche und sexuelle Vielfalt in Schule und Unterricht“.

Eigene Werke

© 1990, AJZ Verlag
  • Palzkill, Birgit (1995):  Zwischen Turnschuh und Stöckelschuh“. Erweiterte Neuauflage, Frauenoffensive, München.
  • Palzkill Birgit/Heidi Scheffel/Gabriele Sobiech (Hg.) (1991): Bewegungs(t)räume. Frauen Körper Sport. Frauenoffensive, München.
  • Klein, Michael/ Birgit Palzkill (1998): Gewalt gegen Mädchen und Frauen im Sport. Pilotstudie im Auftrag des Ministeriums für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit des Landes Nordrhein-Westfalen. Dokumente und Berichte  Band 46.
  • Palzkill, Birgit/ Günter Müller/Eva Schute: Erfolgreiche Gesprächsführung in der Schule. Cornelsen, Berlin.
  • Palzkill Birgit/Frank G. Pohl/Heidi Scheffel/ „Diversität im Klassenzimmer – geschlechtliche und sexuelle Vielfalt in Schule und Unterricht“. Cornelsen, Berlin.

Autorinnen: Gisela Wäschle und Birgit Palzkill