Weil benachteiligte Menschen ihr besonders am Herzen lagen, ist Barbara von Sell vielen noch immer in guter Erinnerung. Seit 2004 trägt das Berufskolleg am Niehler Kirchweg ihren Namen. Als Kind hat die spätere SPD-Politikerin während des Nationalsozialismus selbst Diskriminierung erlebt, auch wenn sie den Grund zunächst nicht ahnte: Ihr Vater war Jude.

© Friedrich Wilhelm von Sell

Die anfangs noch unbeschwerte Kindheit der am 12. Oktober 1934 in Berlin geborenen Barbara Meller endete jäh, als ihre Mutter bei einem Autounfall ums Leben kam. Nun kümmerte sich Vater Pal Meller selbst um die Kinder, Barbara und ihren 1930 geborenen Bruder, unterstützt von der Kinderfrau Franziska Schmitt.

Der Tod der Mutter war für die Familie nicht nur eine persönliche Tragödie. Weil seine Frau und die Kinder katholisch waren, war Pal Meller als Jude durch die sogenannte „privilegierte Mischehe“ geschützt gewesen. Das war nun vorbei. Zunächst gelang es ihm, seine jüdische Herkunft geheim zu halten, er besaß einen gefälschten Ariernachweis. Doch offenbar war ihm die Gestapo bereits auf der Spur. Als er eine Liebesbeziehung  mit einer Nicht-Jüdin einging, wurde er denunziert und 1943 wegen „Rassenschande“ und Urkundenfälschung zu einer sechsjährigen Zuchthausstrafe verurteilt. Aufgrund der katastrophalen Haftbedingungen starb er am 31. März 1943 an den Folgen einer unbehandelten Tuberkulose. Die Kinder wurden von Franziska Schmitt weiter betreut.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs lebte sie mit den beiden in Ostberlin, wo „Opfer des Faschismus“ zunächst noch privilegiert behandelt wurden. „Aber schon 1950 sah das wieder anders aus. Ich durfte nicht in die weiterführende Schule, weil ich kein Arbeiter- und Bauernkind war.“ berichtete Barbara von Sell später.

Die junge Barbara trat nun in die Fußstapfen ihrer aus den Niederlanden stammenden Mutter, die vor ihrer Hochzeit als Tänzerin gewirkt hatte. Sie absolvierte eine Ausbildung zur klassischen Tänzerin und Schauspielerin, entschied sich dann aber fürs Privatleben. Mit zwanzig Jahren heiratete sie den Juristen und späteren Intendanten des WDR, Friedrich Wilhelm von Sell (1926-2014). Und wieder erlebte sie Diskriminierung. Weil Sell Protestant war, wurde Barbara von Sell aus der katholischen Kirche exkommuniziert. Ihre Verwandten, die den Holocaust überlebt hatten, missbilligten ihre Ehe mit einem Deutschen. So wuchs in Barbara von Sell das Gefühl, nirgendwo richtig dazuzugehören. Zwei Kinder gingen aus der Ehe hervor, Julia und Philipp. 1962 zog die Familie ins Rheinland, wo Friedrich Wilhelm von Sell Karriere beim WDR machte.

Nachdem Barbara von Sell mehrere Jahre die klassische Rolle als „Hausfrau und Mutter“ eingenommen hatte, beschloss sie, ihren Wirkungskreis zu erweitern und sich für sozial benachteiligte Menschen einzusetzen. 1966 trat sie in die SPD ein, auch wenn sie später einräumte: „Da war ich aber auch wieder nicht richtig, weil ich ja inzwischen einen adligen Namen hatte…Ich habe die Bodenlosigkeit immer zu stark empfunden. Ich wollte immer ein Zuhause haben. Aber ich werde nie irgendwo zuhause sein.“

© Bettina Flitner, FrauenMediaTurm

Von Sells politische Laufbahn begann in Bergisch Gladbach, wo sie mit ihrer Familie lebte.  1966 zog sie für die SPD in den Stadtrat ein. Lange engagierte sie sich auch im Landesvorstand der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (ASF) in NRW. 1975, im „Jahr der Frau“ ernannte Ministerpräsident Heinz Kühn (SPD) Barbara von Sell zur bundesweit ersten Frauenbeauftragten einer Landesregierung. Doch nach nur einem Jahr legte sie das Amt nieder, weil sie keine Kompetenzen erhielt und sich als „Wahlköder“ missbraucht fühlte. 1979 wurde sie die erste Vorsitzende des Arbeitskreises der Kölner Frauenvereinigungen (AKF).

Sie setzte sich weiterhin für Gleichberechtigung der Frauen ein und kritisierte deren Unterpräsentation in der Politik. Ebenso engagierte sich Barbara von Sell für andere Benachteiligte der Gesellschaft, kümmerte sich um Migrant*innen, wirkte bei der Arbeiterwohlfahrt und in der Altenhilfe mit, leitete den „Arbeitskreis für das Ausländische Kind e.V.“ und war maßgeblich an der Gründung der psychiatrischen Tagesklinik Alteburger Straße beteiligt. Derweil war ihr Ehemann 1976 zum Intendanten des WDR gewählt worden. Die Kinder gingen inzwischen ihre eigenen Wege. Tochter Julia machte eine Ausbildung zur Schauspielerin, während Sohn Philipp als Regie-Assistent arbeitete.

Inzwischen war das Ehepaar von Sell nach Köln umgezogen und genoss das vielfältige kulturelle Angebot. Jetzt entdeckte auch Barbara von Sell ihre „künstlerische Ader“ wieder, schrieb Gedichte, Kurzgeschichten und Liedtexte, in denen sie aktuelle Themen wie Gleichberechtigung, Frauenförderung, Arbeitslosigkeit und Umweltschutz verarbeitete. Gemeinsam mit den Musikerinnen Monika Kampmann und Ingrid Ittel-Fernau gründete sie einen Musikverlag, die Firma Schnecke. Zur Entstehung des Namens erklärte Barbara von Sell: „Die Schnecke kommt langsam voran, aber sie ist nie spurlos.“ Für ihre vielfältigen Tätigkeiten wurde sie 1985 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Bis zum viel zu frühen Ende ihres Lebens blieb Barbara von Sell aktiv, moderierte Gesprächs- und Diskussionsrunden und unterstützte verschiedene Wahlkampf-Veranstaltungen der SPD. Sie starb am 7. Dezember 2002 im Alter von 68 Jahren und wurde auf dem Kölner Melatenfriedhof beigesetzt.

Autorin: Karin Feuerstein-Prasser

Quellen