Als Ehefrau des Kölner Warenhaus-Unternehmers Alfred Leonhard Tietz führte sie viele Jahre lang ein privilegiertes Leben. Margarete Tietz, die selbst nicht im Geschäft mitarbeitete, übernahm zahlreiche Aufgaben und widmete sich mehreren sozialen Projekten. Sie kümmerte sich um notleidende Kinder, gehörte dem Vorstand mehrerer Vereine an und unterstützte junge Künstlerinnen.
Dieses erfüllte Leben wurde mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten beendet. Aufgrund ihrer jüdischen Wurzeln erkannten Margarete und Leonhard Tietz schon frühzeitig die drohende Gefahr und verließen Deutschland bereits 1934. Nach Stationen in den Niederlanden und Israel emigrierte die inzwischen verwitwete Margarete Tietz schließlich in die Vereinigten Staaten, wo sie ihr soziales Engagement bis zu ihrem Tod fortsetzen konnte.
Als Tochter eines jüdischen Stoffgroßhändlers wurde Margarete Dzialoszynski am 31. August 1887 in Berlin geboren. Sie besuchte eine höhere Töchterschule, ließ sich anschließend zur Lehrerin ausbilden und studierte Sozialarbeit. Ihr beruflicher Schwerpunkt war das Unterrichten von Kindern, die aus notleidenden und finanzschwachen Verhältnissen stammten.
Wie vielen Jüdinnen lag auch Margarete Dzialoszynsi die Wohlfahrtspflege sehr am Herzen. Der hebräische Begriff „Zedakah“, der ursprünglich so viel wie Gerechtigkeit bedeutete, war um den Aspekt der Wohltätigkeit erweitert worden. Dabei galt jüdische Mildtätigkeit nicht als Ausdruck individueller Großzügigkeit, sondern als Erfüllung einer von Gott auferlegten Pflicht, ganz ähnlich wie in Christentum (Caritas) und Islam (Zakat).

Aufgrund der beruflichen Kontakte ihres Vaters lernte Margarete den Kölner Kaufmann Alfred Leonhard Tietz (1883-1941) kennen, den sie 1909 heiratete. Er war der Sohn des Warenhausgründers Leonhard Tietz, der dieses neuartige Geschäftsmodell in den 1890er Jahren etabliert hatte. Nach dessen Tod 1914 übernahm Margaretes Ehemann den Warenhauskonzern mit über 5000 Beschäftigten und führte ihn weiter zum Erfolg.
Margarete Tietz engagierte sich auch in Köln im sozialen Bereich und wurde 1912 in den Vorstand des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen gewählt. 1913 kam Sohn Wolfgang zur Welt, 1915 folgte Tochter Herta Gabriele. Zu diesem Zeitpunkt wütete bereits der Erste Weltkrieg, und Alfred Leonhard Tietz, der 1914 zum Wehrdienst eingezogen worden war, sah seine Familie nur noch, wenn er im Rahmen des Fronturlaubs nach Köln kam.
Margarete Tietz hatte dennoch alle Hände voll zu tun. In den Kriegsjahren besuchte sie nicht nur die Hochschule für kommunale und soziale Verwaltung, sie engagierte sich auch – wie die meisten Frauen aus der Oberschicht – im Vaterländischen Frauenverein und kümmerte sich vorwiegend um notleidende Kinder.
Nach Ende des Krieges, den Alfred Leonhard Tietz unverletzt überlebt hatte, ging das Leben wie gewohnt weiter. Nachdem die Familie im Kölner Stadtteil Marienburg eine Villa in der Parkstraße 61 erworben hatte, wurde 1920 der jüngste Sohn Ulrich Albert geboren. Margarete Tietz setzte ihr soziales Engagement fort, wurde u.a. Vorsitzende des Verbandes für Mütter- und Kinderrechte und des Vereins für Frauenstudium. Bei ihrer Arbeit lernte sie Herta Krause kennen, die Leiterin des Kölner Sozialamts, die 1927 die Riehler Heimstätten ins Leben rief. Die beiden jüdischen Frauen verband eine enge Freundschaft, die sich auch in späteren Jahren bewähren sollte.
1929 gehörte Margarete Tietz zu den Mitbegründerinnen der GEDOK (Gemeinschaft deutscher und österreichischer Künstlerinnenvereine aller Kunstgattungen) in Köln. Sie förderte zahlreiche junge Künstlerinnen, indem sie in ihrer Marienburger Villa Konzerte veranstaltete oder deren Gemälde ausstellte.
Doch im gleichen Jahr zogen dunkle Wolken (nicht nur) über Deutschland auf. Die Weltwirtschaftskrise führte zu enormer Arbeitslosigkeit, viele Menschen mussten hungern. Margarete Tietz zögerte nicht lange und organisierte in den beginnenden 1930er Jahren zusammen mit Familienangehörigen eine Art Suppenküche, in der täglich mehr als 800 Menschen versorgt wurden. Das alles zählte jedoch nicht, als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen. Von Anfang an war die Familie antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt, wie Margarete Tietz berichtete: „Schon vor dieser Zeit (gemeint ist der „Boykotttag“ 1. April 1933), eigentlich ab Januar, haben wir sehr viele Anrufe bekommen: Wartet nur! Wir kommen schon! Nehmt Euch in Acht! Das ging schon die ganze Zeit“.“
Im Zuge der „Arisierung“ war Alfred Leonhard Tietz gezwungen, sein florierendes Unternehmen weit unter Wert an die Westdeutsche Kaufhaus AG zu veräußern. Inzwischen arbeiteten deutschlandweit über 15000 Menschen für die Tietz AG, davon allein 700 in Köln. 1934 flüchtete die Familie nach Amsterdam, doch auch hier war es dann seit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs nicht mehr sicher. Unmittelbar vor dem Einmarsch der Wehrmacht gelang es ihnen, das letzte nach Palästina auslaufende Schiff zu erreichen. Hier in Jerusalem starb Margaretes Ehemann 1941 im Alter von 58 Jahren. Sie selbst musste, um sich ihren Lebensunterhalt zu sichern, ein Gästehaus eröffnen. Das Einkommen reichte auch, um ihrer Tochter ein Medizinstudium zu finanzieren.
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs war eine Rückkehr nach Deutschland keine Option. Da sie Freude und Verwandte in den USA hatte, beschloss Margarete Tietz 1948, dorthin zu emigrieren. Hier traf sie ihre alte Kölner Freundin Herta Krause wieder, die sich ähnlich wie früher in der Altenarbeit engagierte. In diesem Bereich fand auch Margarete Tietz ein neues Betätigungsfeld. Sie kümmerte sich künftig nicht nur intensiv um kranke und ältere Mitbürger, sondern gründete in New York schließlich auch das Margaret Tietz Nursing & Rehabilitation Center, das ähnlich wie Herta Kraus´ Wohnkonzept der Riehler Heimstätten aufgebaut war. Bis zu ihrem Lebensende blieb Margarete Tietz aktiv. Sie starb im Alter von 84 Jahren am 26. Februar 1972 während einer Besuchsreise in London.
Auf dem Jüdischen Friedhof in Köln-Bocklemünd erinnert eine Gedenktafel auf dem Familiengrab auch an das Ehepaar Tietz, das jedoch fern der Heimat seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Am 18. März 2019 wurden vor dem ehemaligen Wohnhaus in der Marienburger Parkstraße Stolpersteine für Margarete, ihren Ehemann und die Kinder verlegt, die die Flucht aus Deutschland glücklicherweise alle überlebt hatten.
Autorin: Karin Feuerstein-Prasser
Quelle:
Internetseite „Margarete Tietz“ von FrauenWiki mit Material vom Kölner Frauengeschichtsverein Margarethe Tietz – FrauenGeschichtsWiki abgerufen am 11. Mai 2026