Das Leben Ruth Prawer Jhabvalas spielte sich auf drei verschiedenen Kontinenten ab. Es war ein Leben voller Verwandlungen. Begonnen hat es in Köln, am 7. Mai 1927.
Ruth Prawer wird in einer jüdischen Familie geboren, in der Steinstraße 8, wo sie die ersten Jahre ihres Lebens verbringt, gemeinsam mit ihrem älteren Bruder Siegbert. Ihre Mutter Lore ist Kölnerin mit Leib und Seele: sie liebt die kölsche Sprache und den Karneval und gibt diese Begeisterung auch an ihre Kinder weiter. Lore ist die Tochter der Pianistin Minna Cohn und des Cantors der Synagoge Glockengasse, Elias Cohn. Ruths Vater Markus Prawer stammt aus Polen und war 1919 nach Köln gekommen. Gemeinsam führen Lore und Markus Prawer ein erfolgreiches Unternehmen, ein Treuhandbüro. Die Familie zieht mehrmals um, wobei alle Adressen rund um den Zülpicher Platzes liegen: am Hohenstaufenring 51, in der Arndtstraße 14, in der Hochstadenstraße 15 und in der Humboldtsraße 43. Vor dem Haus in der Hochstadenstraße 15 liegen vier Stolpersteine, die an Ruth, ihren Bruder Siegbert und ihre Eltern Lore und Markus erinnern.

Schon als Kind war Ruth eine talentierte Erzählerin, und sie hat bereits in Köln viele Notizbücher mit ihren Geschichten gefüllt. Und sie wusste schon damals ganz genau, dass sie Schriftstellerin werden würde. Bewusst wurde ihr das, als sie in der Grundschule zum ersten Mal einen Aufsatz verfasste:
„Ich schrieb den Titel: ‘Der Hase’. Sofort spürte ich, dass meine Bestimmung über mich gekommen war: Nur dass ich noch nicht wusste, dass es sich um diese handelte. Ich erinnere mich nur daran, wie ich ganz darin aufging; was für eine Freude, über den Hasen zu schreiben – meinen Blick darauf wiederzugeben. Dass solches Glück möglich ist! “
(Ruth Prawer Jhabvala, 2025, Disinheritance; S. xiii; Übertragung ins Deutsche: Rita von Schwartzenberg) Als 1933 der Nazi-Terror beginnt, ändert sich das Leben der sechsjährigen Ruth schlagartig. In der Nacht des 30. Januars 1933 werden beide Eltern festgenommen. Zwar werden sie nach einigen Stunden wieder frei gelassen, doch ab jetzt sind Bedrohung und Angst ständig da. Ruths Eltern suchen nach Möglichkeiten, ihre Kinder und sich in Sicherheit zu bringen, doch die Flucht nach England gelingt erst im April 1939. Ruth ist nie mehr nach Köln zurückgekehrt.

Nach der Ankunft in England lernt sie innerhalb weniger Wochen Englisch und schreibt von da an auch ihre Geschichten ausschließlich auf Englisch. Kurze Zeit später beginnt der 2. Weltkrieg. Die Gewalt, vor der sie gerade erst geflohen war, erreicht Ruth nun in auch an ihrem Zufluchtsort, in Form der deutschen Bomben. Tagsüber geht Ruth zur Schule, die Nächte verbringt sie in den Londoner U-Bahn-Schächten, die damals als Luftschutzbunker dienen. Nach Kriegsende studiert Ruth englische Literatur in London, was für sie, wie sie später einmal sagte, ihre „Ausbildung“ zur Schriftstellerin ist.
Im September 1948 wird Ruths Leben schwer erschüttert: Ihr Vater Markus, dem Ruth sehr nahesteht, nimmt sich das Leben. Markus hatte nach Kriegsende erfahren, dass fast seine gesamte Familie in Polen von den Deutschen ermordet worden war – auch seine Mutter und seine Schwestern. Er war in eine schwere seelische Krise geraten, aus der er keinen anderen Ausweg mehr fand. Auch zwei nahe Verwandte von Ruth aus Köln waren deportiert und ermordet worden: ihre Tante Anna Cohn-Wolff und ihr siebenjähriger Cousin Ariel Wolff.
Ruths Leben hellt sich wieder auf, als sie Cyrus S.H. Jhabvala trifft und sich in ihn verliebt. Cyrus ist ein junger Architekt aus Indien, der zwei Jahre in London studiert und gearbeitet hatte. Leider geht nur wenige Tage nach der ersten Begegnung von Ruth und Cyrus sein Schiff zurück nach Indien. Doch beiden reicht diese Zeit, um zu wissen, dass sie ihr Leben miteinander verbringen wollen und tatsächlich: über 64 Jahre bleiben sie ein glückliches Paar.

und ihrem Bruder Siegbert Prawer (1925 – 2012), ca. 1929
1951 zieht Ruth mit Cyrus nach Delhi in Indien, wo sie 24 Jahre lang lebt. Sie lässt sich vollkommen auf dieses Land ein, das ihr bis dahin völlig unbekannt war. Hier bringt sie ihre drei Töchter zur Welt. Und sie verwirklicht den Traum, den sie schon als Kind in Köln hatte: Sie wird Schriftstellerin. Ab 1955 veröffentlicht Ruth in schneller Folge zahlreiche Romane und ist damit auf Anhieb erfolgreich. Sehr genau beschreibt Ruth in ihren literarischen Werken die indische Gesellschaft. Es gelingt ihr, mit wenigen Worten komplexe seelische Vorgänge sehr treffend zu beschreiben, so dass man beim Lesen ihren Figuren ganz nah kommt. Für ihren Roman „Heat and Dust“, bekommt sie 1975 den Booker-Preis verliehen. Leider erscheint der Roman erst zehn Jahre später auf Deutsch, unter dem Titel „Hitze und Staub“, in einer Übersetzung von Utta Roy-Seifert.
In den frühen 1960er Jahren trifft Ruth den Regisseur James Ivory und den Produzenten Ismail Merchant, die gemeinsam in New York die Filmfirma Merchant Ivory Productions gegründet hatten. Die beiden überreden Ruth, aus ihrem Roman „The Householder“ (1960), ein Drehbuch zu machen, das sie dann verfilmen. So beginnt sowohl eine erfolgreiche kreative Zusammenarbeit als auch eine enge Freundschaft, die mehr als vier Jahrzehnte besteht. Bei einem Gespräch, das ich 2023 mit James Ivory führte, erzählte er mir, dass Ruth für ihn von Beginn an eine Seelenverwandte war. Dabei verband die beiden vor allem ihr gemeinsamer Sinn für Situationskomik, die auch viele der gemeinsamen Filmprojekte prägt. 1976 zieht Ruth nach New York und trifft hier tatsächlich einige der Menschen wieder, mit denen sie in Köln zur Schule gegangen war und mit denen sie jetzt die Freundschaft wieder aufnimmt.
Ab den 1980ern wird Merchant Ivory Productions zum Synonym für sensible Literaturverfilmungen, und dieser Erfolg ist nicht zuletzt auch Ruths Talent zu verdanken, aus einer guten Romanvorlage auch ein gutes Drehbuch zu machen. 1987 bekommt Ruth ihren ersten Oscar für das Drehbuch zu „A Room With A View“ („Zimmer mit Aussicht“), das sie nach einem Roman von E.M. Forster adaptiert hat; 1993 folgt der zweite Oscar für das Drehbuch „Howards End“ („Wiedersehen in Howards End“), ebenfalls nach E.M. Forster.
Am 3. April 2013 stirbt Ruth in New York, im Alter von fast 86 Jahren. Doch in den vielen wunderbaren Geschichten, die sie uns hinterlassen hat, lebt etwas von ihr weiter: in ihren 13 Romanen, in mehr als 100 Kurzgeschichten und in 24 verfilmten Drehbüchern.
Autorin: Rita von Schwartzenberg
Quellen:
Ruth Prawer Jhabvala, Disinheritance – The Rediscovered Stories, Counterpoint Press, Berkeley, 2025
Website: https://ruthprawerjhabvala.com