„Mein beruflicher Werdegang ist alles andere als geradlinig. Viele Umwege, kein konkreter Plan, wusste aber immer, was ich nicht wollte. Von all dem, was ich gemacht habe, habe ich nichts bereut. Und wenn ich dachte, das reicht mir alles noch nicht und auch der Spaß nachließ oder es Anstöße von außen gab, habe ich mich auf den Weg gemacht, um etwas Neues auszuprobieren. Meinen Eltern bin ich bis heute dankbar, dass sie alle meine verschiedenen Ausbildungen mitgetragen haben und mir keine Steine in den Weg gelegt haben.
Aufgewachsen bin ich in im Erftkreis. Bis zur 9. Klasse besuchte ich die Volksschule in Türnich. Es war klar: ich wollte natürlich Sekretärin werden wie viele Mädchen aus meinem Jahrgang. Zumal im letzten Schuljahr jede Woche ein netter Mann von der Firma Olympia mit zahlreichen Schreibmaschinen kam. In dieser Zeit habe ich gelernt mit zehn Fingern blind auf einer Tastatur zu schreiben – was mir bis heute zugutekommt. Logischerweise absolvierte ich dann die Handelsschule, danach begann ich eine Ausbildung zur Bankkauffrau. Während dieser Zeit war ich nicht nur aus Interesse an Musik, sondern auch aus politischem Interesse, Mitglied in einer Polit-Songgruppe – in den 70er Jahren entstanden im Rahmen der Friedensbewegung ja viele dieser Gruppen.

Nach der Banklehre entschied ich mich für das Wirtschaftsabitur mit dem Ziel, als Berufsschullehrerin zu arbeiten. Allerdings wurde mir aufgrund meiner politischen Ausrichtung schnell klar, dass ich mit den Themen Kapitalismus und Marktwirtschaft auf ›Kriegsfuß‹ stand. Also entschied ich mich, das Vollabitur auf dem Zweiten Bildungsweg am Köln-Kolleg nachzuholen. Auch in dieser Zeit habe ich in verschiedenen Formationen gesungen, die sich in ihren Texten mit der Arbeitswelt und anderen gesellschaftlichen Fragestellungen beschäftigten.
Aufgrund meiner Leidenschaft für die Musik hätte ich sehr gerne ein Studium an der Musikhochschule Köln gemacht – aber dazu fehlten mir die Voraussetzungen. Die Aufnahmeprüfung hätte ich nie im Leben bestanden. Da es zu meiner Zeit an der Pädagogischen Hochschule keine Aufnahmeprüfungen gab, habe ich mich dort für Musik- Kunsterziehung eingeschrieben. Dass es diese Möglichkeit gab, war für mich echtes Glück. Denn ich hatte von Musiktheorie oder Harmonielehre nicht wirklich Ahnung. Ich konnte zwar singen, hatte aber nie Klavierunterricht – dafür fehlte bei uns zu Hause das Geld. Während meines Studiums bekam ich Bafög und am Ende noch ein Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung. Und dank meiner Ausbildung zur Bankkauffrau verdiente ich mir mit zusätzlichen Bürojobs etwas dazu.
Mein zweites Fach – Kunstpädagogik – war für mich eine künstlerische Ergänzung, von der ich bis heute profitiere. Seit 2001 befasse ich mich mit digitalen Zeichnungen, die auch in diversen Ausstellungen zu sehen waren.
Neben meinem Studium habe ich Schauspielunterricht an der Theaterschule des Keller Theaters in Köln genommen. Während dieser Zeit habe ich an der Hochschule nur die praktischen Fächer belegt wie Aktzeichnen, Klavier und Gesang. Außerdem habe ich während der Semesterferien diverse Seminare bei Lehrer:innen der Lee-Strassberg-Schule besucht.

Das Kunst- und Musikpädagogikstudium habe ich zwar mit allen praktischen und theoretischen Prüfungen abgeschlossen, das anschließende Referendariat allerdings nicht angetreten. Der Grund: Während eines Musikpraktikums an einer Schule wurde mir klar, dass die Schüler und Schülerinnen zu mir in den Unterricht kommen müssen. Die Betonung liegt auf müssen. Und da dachte ich, nee, ich möchte lieber in einem Beruf arbeiten, in dem die Menschen freiwillig zu mir kommen. Statt für die Sicherheit als Beamtin entschied ich mich folgerichtig, als freiberufliche Künstlerin mein Geld zu verdienen.“
Anmerkung der Redaktion: Und das mit zunehmendem Erfolg: Schauspielerin, Kabarettistin, Komikerin, Sängerin, freie Sprecherin für Hörfunk- und Fernsehproduktionen u.a. für den WDR und STERN TV. Als Schauspielerin stand sie an verschiedenen Theatern auf der Bühne: u.a. im Bauturm-, Millowitsch- und Comedia-Theater. Ihr Name findet sich auf der Besetzungsliste vieler Film- und Fernsehproduktionen wieder.
Auch ihrer Liebe zur Musik ist sie bis heute treu geblieben. Konzerte als Sängerin in verschiedenen Formationen gehören nach wie vor zu ihrer künstlerischen Tätigkeit, ebenso wie Soloauftritte auf Kleinkunstbühnen.
Seit 1993 gehört sie zum Ensemble der Kölner Stunksitzung, die mit ihren Programmen aus Kabarett, Comedy und Musik gesellschaftspolitische Themen kritisch, satirisch und humorvoll unter die Lupe nimmt. Seit über 40 Jahren zählt die Sitzung in Köln zu den erfolgreichsten Veranstaltungen mit jährlich mehr als 50 ausverkauften Vorstellungen im Kölner E-Werk. Die ersten Auftritte fanden in der Studiobühne der Uni Köln und damit eher im studentischen Milieu als Persiflage auf die altbackenen, verkrusteten Strukturen im Sitzungskarneval statt. Seit 1991 ist das E-Werk in Köln-Mülheim die Heimat der Stunksitzung und längst in allen Gesellschaftsschichten angekommen. Das gesamte Ensemble agiert autonom und unabhängig, alle haben das gleiche Stimmrecht, produziert die Show in Eigenverantwortung und entscheidet selbst, was auf die Bühne kommt. Inhaltlich geht es nie nur um Karneval, sondern vor allem um Politik und Gesellschaftskritik: Kirche, Klüngel, Bundespolitik oder kommunales Versagen. Es sind etwa gleich viel Frauen wie Männer im Schauspiel-Ensemble. Ein feministischer Blick ist in der Gruppe immer vorhanden, auch dann, wenn es nicht um spezifische Frauenthemen geht.

Wanninger als Präsidentin
„Zum einen kann ich mich bei der Stunksitzung als Künstlerin auf vielfältige Weise ausdrücken und zum anderen kann ich Politisches mit Künstlerischem verbinden. Zu den Stunkern und Stunkerinnen bin ich eher zufällig gestoßen. Angefangen habe ich als Regie-Assistentin und Co Regisseurin, drei Jahre später bin ich dann mit dem Weggang von Gaby Köster als Schauspielerin auf die Bühne gegangen. Und wiederum drei Jahre später habe ich dann nach Reiner Rübhausen die Präsidentschaft übernommen. Mich hat es sehr überrascht, dass das für einige Schlagzeilen sorgte – eine Frau als Sitzungsleiterin. Das war im traditionellen Karneval nicht denkbar. Für mich war das völlig selbstverständlich.
Im Rückblick bin ich froh, dass ich so viele verschiedene Sachen in meinem Berufsleben gemacht habe und immer noch mache. Denn lange Zeit dachte ich ›Mein Gott, du machst so viele verschiedene Sachen, kannst aber eigentlich nichts richtig gut.‹ Heute sehe ich das anders, denn genau diese Vielseitigkeit sorgt dafür, dass ich mich nie langweile. Stattdessen gibt es immer neue Herausforderungen.
So habe ich mit Tanja Svejnoha von Köbes Underground im Frühjahr 2026 ein Buch herausgegeben mit dem Titel: ‚Die Legende vom wehrhaften Wurm‘. Zu meinen digitalen Zeichnungen hat Tanja gereimte Geschichten geschrieben. Auch wieder etwas Neues, bei dem ich sehr viel gelernt habe. Denn Bücher herausgeben gehört nicht unbedingt zu meinen Kernkompetenzen.
Das Besondere an meinem Beruf ist – auch ein Privileg -, dass ich nicht fremdbestimmt arbeite und dadurch die Möglichkeit habe, ›Nein‹ zu sagen. Außerdem bekomme ich bei jeder Vorstellung ein direktes Feedback für meine Arbeit. In welchem Beruf hätte ich das sonst haben können? Natürlich hatte ich auch Glück, oft zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein und Menschen kennengelernt zu haben, die mich inspiriert und unterstützt haben. Aber bei allen Unsicherheiten, die mich natürlich auch begleitet haben, kann ich heute sagen: Ich verstehe was von meinem Job und bin gut in dem, was ich mache.“
Anmerkung der Redaktion: Am richtigen Ort war Biggi Wanninger auch, als sie sich im April 2017 im Rahmen eines Festakts ins Goldene Buch der Stadt Köln eintragen durfte. Eine der höchsten Ehrungen, die die Stadt zu vergeben hat für diejenigen, wie Oberbürgermeisterin Henriette Reker anlässlich der Eintragung sagte, »die auf der Basis ihres Erfolges im Brauchtum große Verdienste für das Miteinander in unserer Stadt und das kulturelle Leben in Köln erworben haben«. Und das hat Biggi Wanninger allemal.
Autorin: Biggi Wanninger

Wanninger im Tonstudio