Als geborene Münchnerin Jahrgang 1933 landete ich 1975 durch einen Ruf auf einen Lehrstuhl für Anglistik an der Universität zu Köln in dieser fröhlichen und liberalen Stadt am Rhein. Und hier bin ich bis dato geblieben.

Natascha Würzbach
© Natascha Würzbach

Das ist jedoch schon sehr weit vorgegriffen. Kriegsbedingt an den Tegernsee evakuiert, zu einer Zeit als dort noch alle Kinder im Sommer barfuß zur Volkschule liefen und es ausgedehnte Weideflächen für Kühe gab, begann für mich ein naturverbundenes Leben. Nach Kriegsende konnte ich mit einiger Verspätung das neu gegründete Gymnasium besuchen. Ich ging ausgesprochen gern zur Schule, war bald Klassenbeste und wurde zur Klassensprecherin gewählt. Mobbing und Markenterror gab es damals nicht. In den Anfangsklassen war das zahlenmäßige Verhältnis zwischen Mädchen und Buben ausgewogen. Im Abitur kamen auf circa vierzig Buben noch vier Mädchen. Für die meisten männlichen Schüler war es selbstverständlich, ein Studium zu ergreifen. Auch ich wollte studieren mit der vagen Vorstellung, möglichst viel Wissenswertes zu erfahren. Mein Vater, selbst Akademiker, Autor und Journalist, hielt das für völlig überflüssig, da ich ja ohnehin heiraten würde – eine Vorstellung, die mir nicht als notwendiges Lebensziel erschien. Außerdem hielt mein Vater Intellektualität für unweiblich. Man schrieb das Jahr 1954.

Zudem lebten wir in einem Künstlerhaushalt – meine Mutter war ausgebildete Ausdruckstänzerin – „am Existenzminimum“, wie man heute sagen würde. Ich wusste sehr wohl, dass ich mein Studium aus eigener Kraft würde finanzieren müssen. Fest entschlossen hatte ich mit dreizehn Jahren begonnen, Nachhilfeunterricht zu geben und ein Sparkonto eröffnet, das jedoch höchstens für ein Semester ausreichen würde. Meine Eltern wollten mir keine Steine in den Weg legen und kauften mir für die Einrichtung einer Dachkammer in München Schwabing eine sogenannte Bettcouch und steckten mir manchmal etwas Geld zu. Eine befreundete Mitschülerin, die aus finanziell gesicherten Verhältnissen kam, hatte weit weniger Glück. Nach zwei Semestern musste sie ihr Studium der Kunstgeschichte aufgeben, um im väterlichen Arzthaushalt mitzuhelfen. Das war sehr schmerzlich für sie. Ihr Bruder studierte Medizin und wurde Chirurg.

Meine Eltern konnten mich zwar nicht finanziell unterstützen, aber sie haben mir etwas unschätzbar Wertvolleres mitgegeben: Sie haben mich freizügig erzogen. Es gab keine Bestrafungen, keinen moralischen Terror und keinerlei Leistungszwang. In Liebesdingen waren sie für die damalige Zeit sehr tolerant.

Natascha Würzbach
© Natascha Würzbach

Eher intuitiv als bewusst planend suchte ich meinen Weg, studierte Anglistik, Germanistik, Geschichte und Philosophie in München, Freiburg und Edinburgh, jobbte, erwarb Stipendien, machte Staatsexamen, promovierte. Ursprünglich wollte ich Lehrerin an Gymnasien werden, da ich aus meinen Erfahrungen mit Nachhilfeschülern und – schülerinnen wusste, dass ich gerne unterrichtete. Als mir überraschend eine Beschäftigung an der Uni angeboten wurde, griff ich erfreut zu, dabei durchaus von Selbstzweifeln geplagt. Während meiner Assistentinnenzeit am Englischen Seminar der Ludwig Maximilian Universität München erfuhr ich keine gravierenden Diskriminierungen, außer den üblichen Rollenzuweisungen. Ich sah allerdings, wie zwei meiner sehr begabten Kolleginnen nach einigen Jahren auf Drängen ihrer Ehemänner in den Haushalt zurückkehrten und Kinder bekamen. Nur sehr wenige Frauen wurden damals habilitiert.

Durch zwei Angebote vor die Wahl gestellt, nach Bochum oder Köln zu gehen, entschied ich mich 1975 für die Universität zu Köln und habe es nie bereut. In den Sitzungen der Philosophischen Fakultät stellte ich fest, dass es vier weitere Kolleginnen gab und circa sechzig männliche. Sie verhielten sich uns gegenüber eher galant als kollegial. Das sollte sich im Laufe der Zeit ändern. Zu jener Zeit erreichte mich die Botschaft der Frauenbewegung. Im akademischen Bereich wurden erste Ansätze einer feministischen Theoriebildung entwickelt. Ich sah nun meine Aufgabe vor allem darin, diese damals revolutionären Ideen in Forschung und Lehre einzubringen. Meine Stellung als Professorin bot mir dabei genug Gestaltungsspielraum, der schlimmstenfalls spöttischer Kritik ausgesetzt sein konnte. Bei der alljährlichen Fachkonferenz der Anglisten hielt ich den ersten Vortrag zu einem feministischen Thema. Ein Kollege glaubte, mich warnen zu müssen. Aber es lief alles gut.

Mit viel Freude und Engagement unterrichtete ich junge Erwachsene und konnte nun auch frauenorientierte Gesichtspunkte in die Besprechung englischsprachiger Literatur einbringen und diskutieren. Das thematische Spektrum erweiterte sich durch die Gender Studies, die zuerst im angloamerikanischen Raum entstanden. Überwiegend junge Frauen entschieden sich für meine Unterrichtsveranstaltungen, die in dem Ruf standen, arbeitsintensiv zu sein, was sie auch für mich waren. Das bedeutete aber auch, dass die Studierenden sich ernst genommen fühlten und sich anstrengten.

Natascha Würzbach
© Natascha Würzbach

In späteren Jahren begegneten mir öfters ehemalige Studentinnen auf der Straße in Sülz, die sich gerne an meine Unterrichtsveranstaltungen erinnerten und daraus etwas fürs Leben gelernt hätten, vor allem klares und kritisches Denken. Für sie als Lehrerinnen hätte sich das als besonders nützlich erwiesen. Ich habe allerdings nicht nur Generationen zukünftiger Lehrerinnen unterrichtet und examiniert. Auch einige Hochschullehrerinnen und –lehrer sind aus meinen Seminaren sowie einem Forschungsprojekt hervorgegangen.

Seit etwa 1985 begann ich, literarische Texte zu schreiben und zu publizieren. Dem konnte ich mich nach meiner Pensionierung voll und ganz widmen.

Ich lebe nun fast fünfzig Jahre in Köln an einem baumbestandenen ruhigen Platz in einem Viertel, das ich lieben gelernt habe. Beziehungen zu sehr unterschiedlichen Menschen haben sich entwickelt, ein vielseitiger Freundeskreis ist entstanden. Regelmäßige Wanderungen in der Eifel ersetzten mir die bayerischen Berge. Und auf dem Friedhof Melaten wartet unter einer Buche der Platz, an dem ich zur Natur zurückkehren werde.

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Autobiografie