Als Künstlerin ging sie ihren eigenen Weg. Schon in den Zwanziger Jahren verließ Edith Auerbach ihre Heimatstadt Köln und zog nach Paris, damals das Mekka aller Kunst- und Kulturschaffenden. Gerade für sie als Jüdin schien das die richtige Entscheidung zu sein, denn nur wenige Jahre später kamen in Deutschland die Nationalsozialisten an die Macht. Doch die Sicherheit war trügerisch. Als die Wehrmacht im Frühjahr 1940 auch Frankreich überfiel, befand sich Edith Auerbach in akuter Gefahr. Sie überlebte, aber schwer traumatisiert. Nach Kriegsende verarbeitete sie ihre Ängste und seelischen Nöte in beklemmenden Bildern. Dann gab sie das Malen endgültig auf.
Am Internationalen Frauentag, dem 7. März 2025 wurde der ursprünglich nach ihrem Vater benannte Auerbachplatz in Köln-Sülz auch Edith Auerbach sowie ihrer Mutter Ida und Schwester Lisbeth gewidmet.
Edith, geboren am 11. März 1899 in Köln, war die Tochter des bekannten und beliebten Arztes Dr. Benjamin Auerbach und seiner sozial engagierten Ehefrau Ida, der späteren Vorsitzenden des Jüdischen Frauenvereins. Nach dem Besuch des Kölner Mädchengymnasiums hätte Edith am liebsten Bildende Kunst studiert, doch das ging den eigentlich eher liberalen Eltern zu weit. Stattdessen studierte sie ab 1918 Philosophie und Kunstgeschichte, zunächst in München, später in Köln und Bonn. Zwischen 1923 und 1924 absolvierte sie eine Ausbildung an der Staatlichen Keramischen Fachschule in Höhr bei Koblenz und leitete anschließend ein Keramikstudio in München.
Doch Edith Auerbach wollte ihr künstlerisches Potential voll entfalten. Und welche Stadt war dazu besser geeignet als Paris, damals das pulsierende Mekka aller Kunst- und Kulturschaffenden. 1926 begann sie ein neues Leben an der Seine, lebte in dem billigen „Hôtel des Terrasses“, in dem sich Bohèmiens aus aller Herren Länder eingemietet hatten. Sie verbrachte ihre Tage in den angesagten Szene-Cafés in Montparnasse und zeichnete gelungene Porträts der dort verkehrenden Gäste. Hier lernte sie auch den damals schon bekannten und erfolgreichen Maler Henri Matisse (1869-1954) kennen, der ihr als Künstlerin eine große Zukunft prophezeite. Tatsächlich konnte Edith Auerbach schon bald von ihren expressionistischen Werken leben, ihre Arbeiten wurden mehrfach ausgestellt und von Galerien vertreten. 1937 beteiligte sie sich an der avantgardistischen Ausstellung „Femmes Artistes d´ Europe“.

Sammlung Bruno Chenique
Doch unbeschwert war ihr Leben nicht. In jenen Jahren kamen immer mehr jüdische Flüchtlinge aus NS-Deutschland nach Frankreich, die einer ungewissen Zukunft entgegensahen. Ediths Wunsch, französische Staatsbürgerin zu werden, erfüllte sich leider nicht. Die Situation spitzte sich zu, als die Wehrmacht im Mai 1940 in Frankreich einfiel und Teile des Landes besetzte. Jetzt galten alle Deutschen, auch die jüdischen Geflüchteten – wenngleich sie Gegner bzw. Verfolgte des NS-Regimes waren – als „feindliche Ausländer“ und wurden umgehend in Lagern interniert. Edith Auerbach kam mit anderen Frauen zunächst ins Pariser Radsportstadion und wurde von dort aus in das berüchtigte südfranzösische Internierungslager Gurs gebracht, wo die Frauen unter menschenunwürdigen Verhältnissen lebten. Weil die im Süden Frankreichs herrschende Vichy-Regierung mit NS-Deutschland kooperierte, schwebte über Edith Auerbach das Damoklesschwert der Verhaftung und des Transports in das Vernichtungslager Auschwitz. Sie hielt die ständige Todesangst kaum aus und erlitt schließlich einen seelischen Zusammenbruch. Glück im Unglück. Aus dem Krankenhaus, in das man sie Anfang 1943 eingeliefert hatte, konnte sie fliehen und unter falschem Namen untertauchen.
Edith Auerbach hat überlebt. Nach der Befreiung von Paris im Spätsommer 1944 kehrte sie zurück in die französische Hauptstadt. Hier versuchte sie, ihre traumatischen Erfahrungen künstlerisch zu verarbeiten. Es entstanden beklemmende Bilder, kopf- und formlose Wesen, die im Gleichschritt auf eine untergehende Sonne zumarschieren, Stacheldraht, Vögel ohne Federn, Blutströme und gequälte Menschen, alles in stumpfen grauen und braunen Farbtönen. Sie nannte ihre Arbeiten „Contre L´ Oubli – Wider das Vergessen“.

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Doch dann hörte sie Anfang der Fünfziger Jahre endgültig auf zu malen, aus welchen Gründen auch immer. Stattdessen konzentrierte sie sich auf eine journalistische Tätigkeit und schrieb eine Zeitlang regelmäßig für die deutsche Zeitschrift „Weltkunst“. Doch ihren Lebensunterhalt konnte sie damit wohl kaum bestreiten. Anscheinend völlig verarmt starb Edith Auerbach am 27. Mai 1994 im Alter von 95 Jahren. Beigesetzt wurde sie auf dem Pariser Friedhof Thiais, der von einer wohltätigen Organisation geführt wird. Sie kümmert sich darum, dass auch mittel- und obdachlose Menschen eine würdevolle Beisetzung erhalten. Edith Auerbachs Grab gibt es heute allerdings nicht mehr.
Schon lange vor ihrem Tod war die jüdische Künstlerin, der Matisse einmal eine große Zukunft prophezeit hatte, völlig in Vergessenheit geraten. Doch dann wollte es der Zufall, dass der niederländische Kunsthändler Guus Maris ein paar Jahre nach ihrem Tod einige ihrer Arbeiten auf einem Pariser Flohmarkt entdeckte, sie erwarb und schließlich an einen Sammler verkaufen konnte. Wenig später wurden Edith Auerbachs Werke zunächst in den Niederlanden ausgestellt und waren von Juli bis September 2020 im Museum Belvedère im westfriesischen Heerenveen zu sehen. Die Ausstellung stand unter dem Titel „Contre l`Oubli – Wider das Vergessen“.

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2021/22 widmete auch das Frauenmuseum Wiesbaden Edith Auerbach eine gleichnamige Ausstellung. Im ersten Stock waren die sieben verstörenden Werke zu sehen, die sie nach dem Krieg gemalt hat, aber auch frühere Arbeiten, Bleistift- und Kohlezeichnungen. Dazu gehören die zum Teil sehr witzigen Porträts, die sie seinerzeit in den Pariser Cafés angefertigt hat, aber auch ein schönes Selbstporträt im expressionistischen Stil, gehalten in kräftigen Rot- und Grüntönen, das Edith Auerbach mit geschlossenen Augen zeigt.
„Wider das Vergessen“ – in diesem Kontext steht auch die Umwidmung des Auerbachplatzes in Köln-Sülz. Möge diese Hoffnung auch in Erfüllung gehen!
Quellen:
- Pauline Broekema: Edith Auerbach (1899–1994): Contre l’Oubli – Tegen het Vergeten. Hrsg.: Han Steenbruggen. Noordboek, 2020, ISBN 978-90-5615-638-1 (niederländisch). (Katalog zur Ausstellung im Museum Belvédère, Herenveen)
- Pauline Broekema: Tekenares van Montparnasse: het eigenzinnige kunstenaarsleven van Edith Auerbach. De Arbeiderspers, 2020, ISBN 978-90-295-4163-3 (niederländisch). (Roman)
- Edith Auerbach – Wikipedia
- Material des Kölner Frauengeschichsvereins

Sammlung Bruno Chenique

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