Als Diplom-Sozialpädagogin, Traumaberaterin und Resilienztrainerin arbeite ich in Köln auf einer Teilzeitstelle im Ambulant Betreuten Wohnen. Daneben engagiere ich mich beim Notruf für vergewaltigte Frauen e.V. und in vielen Netzwerken und Bündnissen für die individuelle und gesamtgesellschaftliche Verbesserung der Situation von Betroffenen von sexualisierter Gewalt. Ich bin verheiratet, habe zwei erwachsene Kinder und einen ziemlich großen Kleingarten, der mich dazu motivierte, in 2024/25 noch eine Ausbildung zur Wildkräuterpraktikerin zu machen.
Ich bin 1967 geboren und im Herzen der Hallertau aufgewachsen. Während meiner Schulzeit, im Sommer 1986, habe ich auf einem der Anti-WAAhnsinns-Festivals das erste Mal BAP gesehen – die Band hat mir mit ihren Texten (die ich mir Wort für Wort mit Hilfe der Erklärungen auf den Plattenhüllen erschloss) aus der bayerischen Seele gesprochen. Sie war einer der Gründe dafür, warum ich nach meinem Sozialpädagogik-Studium in Regensburg und einem Auslandsjahr Ende 1993 ins liberale und bunte Köln gezogen bin.

Ursprünglich komme ich aus der parteilichen Mädchenarbeit – in einigen Praktika und ehrenamtlichen Einsätzen in der Studienzeit (1987-1991) habe ich u.a. bei I.R.M.A. (Initiative Regensburger Mädchenarbeit) und einem Mädchenprojekt der Bürgerinitiative Asyl Erfahrungen gesammelt, die ich dann in den Aufbau einer internationalen Mädchengruppe beim „Arbeitskreis ausländischer Arbeitnehmer e.V.“ gesteckt habe. Mir ging es darum, Mädchen und junge Frauen zu stärken, ihnen Raum für ihre Interessen und Fähigkeiten zu geben und sie auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben zu begleiten. Nach zwei Inter-Rail-Reisen durch Europa und einem Jahr als Geschäftsführerin beim Regensburger Soziale Initiativen e.V. wurde es mir in Bayern – auch politisch – zu eng. Gemeinsam mit meinem heutigen Mann verbrachte ich 1992/93 ein Auslandsjahr in Schottland. Im Frauenzentrum Edinburgh lernte ich die lokale Notrufgruppe (Edinburgh Rape Crisis Centre) kennen und engagierte mich dort – neben meinem bezahlten Bürojob – bis zu unserer Abreise im Herbst 1993 ehrenamtlich. Ich hatte das Glück, in Edinburgh den Start der großartigen Kampagne „Zero Tolerance of violence against women“ mitzuerleben und mitzutragen. Die aktivistische Energie und viele gute Ideen konnte ich mit nach Deutschland bringen.

In Köln war ich erst hauptamtlich in der offenen Jugend-/Mädchenarbeit und später in einer Wohneinrichtung für unbegleitete minderjährige Flüchtlingsmädchen aus dem Iran tätig. Mein Herz schlug aber seit der Zeit in Schottland für die Frauennotruf-Arbeit. Anfang 1994 schloss ich mich der Kölner Notrufgruppe an, die damals einen Raum in der Glasstraße mitnutzte, der eigentlich vom Köln-Archiv betrieben wurde. Jeden Montagabend fanden die Plenumstreffen statt, das Notruftelefon stand auf einem kleinen Schreibtisch in einer Ecke zwischen den Regalen mit Archivmaterial und zweimal die Woche war telefonische Beratungszeit. Wir diskutierten viel, organisierten öffentliche Aktionen und Veranstaltungen und vernetzten uns mit anderen autonomen Frauenprojekten. Unser Engagement sahen wir damals (und auch heute noch) als politische Arbeit, als solidarisches Handeln und die Übernahme von Verantwortung in unserer Gesellschaft. Patriarchale Strukturen, die Ursache für geschlechtsspezifische Gewalt, sollen aufgedeckt, bekämpft und verändert werden. „Das Private ist politisch“ – dieser Slogan der zweiten Frauenbewegung in den 1970er Jahren gilt nach wie vor und ist heute aktueller denn je. Er bedeutet, dass es absolut zentral ist, einen Perspektivwechsel zu vollziehen, um nachhaltige gesellschaftliche Veränderungen zu erreichen: Gewalt gegen Frauen und Mädchen, gegen FLINTA*, ist kein Einzelschicksal, sondern ein strukturelles und damit gesamtgesellschaftliches Problem! Das bedeutet auch: das Thema geht uns ALLE an, wir alle sind dafür verantwortlich, hinzuschauen, uns einzumischen und für unser Zusammenleben gemeinsam Bedingungen zu schaffen, die es uns ALLEN ermöglichen, ganz selbstverständlich im Sinne der ersten drei Artikel unseres Grundgesetzes zu leben (Art. 1 – Die Würde des Menschen ist unantastbar; Art. 2 – Freie Entfaltung der Persönlichkeit, Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit, Freiheit der Person ist unverletzlich; Art. 3 – Gleichberechtigung aller Geschlechter).

Aus diesem Grund ist für mich die Vernetzung ein zentrales Anliegen – in Arbeitskreisen, Vereinen, (Aktions-)Bündnissen, Initiativen, Banden… der Schulterschluss mit Menschen, die gemeinsam an einem Strang ziehen, Kräfte bündeln, Mitstreiter:innen gewinnen, Ideen spinnen und Aktionen umsetzen! Im Laufe der Jahre habe ich in Köln viele solcher Netzwerke initiiert, (mit)gegründet, auf- und ausgebaut: vom MÄK (Mädchenarbeitskreis Köln e.V.), dem Kölner Frauenprojekte-Plenum und dem ‚Kölner Aktionsbündnis zum 25.11. – Gemeinsam gegen Männergewalt an Frauen e.V.‘ über das Netzwerk ‚Gewalt in der Schwangerschaft – Schwanger nach Gewalt‘ und den AK Anonyme Spurensicherung nach Sexualstraftaten (ASS) bis hin zum AK K.o.-Tropfen, dem AK Gegen Gewalt an Frauen, der Kölner Initiative gegen sexualisierte Gewalt mit ihrem Projekt EDELGARD, der Orgagruppe für ONE BILLION RISING und meinem Lieblingsbündnis LILA IN KÖLN. Auf NRW-Ebene bin ich seit vielen Jahren Mitglied im Vorstand des Landesverbandes autonomer Frauen-Notrufe NRW. Den Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff) habe ich mitgegründet und dort jahrelang die unbezahlt arbeitenden Notrufe im Beirat vertreten.
Eines meiner Highlights:
Dass wir es am 14. Februar 2021 mit viel Kreativität und Hartnäckigkeit geschafft haben, in Köln auf dem Neumarkt trotz des Corona-Lockdowns eine der wenigen öffentlichen Veranstaltungen zum weltweiten Aktionstag ONE BILLION RISING in Deutschland zu organisieren und durchzuführen. Wir konnten gewaltbetroffene Frauen, Mädchen und FLINTA* dadurch über die Kölner Stadtgrenzen hinaus ermutigen und ihnen signalisieren, dass sie trotz der Einschränkungen durch die Pandemie nicht alleine sind und mit ihrem Thema gesehen werden.
Blick nach vorne:
Eine der Hauptaufgaben meiner Generation ist es, junge Mitstreiter:innen zu gewinnen, sie unterzuhaken und ein Stück des Weges gemeinsam zu gehen – und dann nach und nach loszulassen und darauf zu vertrauen, dass sie ihre Sache gut und richtig machen werden. Es gibt mir Hoffnung, zu sehen, mit wie viel Energie und Entschlossenheit junge Frauen und FLINTA* sich heute in bestehenden Einrichtungen engagieren und auch neue Projekte gründen. Wichtig finde ich, sowohl die aktuellen, horizontalen Verbindungen zwischen den Projekten als auch die vertikalen Verbindungen hinein in die Geschichte im Blick zu behalten: die ausgefochtenen Kämpfe, die erreichten Zwischenziele, die Meilensteine der Entwicklung aktivistischer und institutioneller Arbeit zu sehen und wertzuschätzen – mit einem Gefühl der Verbundenheit und Solidarität über die verschiedenen Generationen hinweg.

Autorin: Irmgard Kopetzky