Als feministische Soziologin hat Maria Mies ganze Generationen junger Frauen inspiriert – bis heute.

Geboren wurde sie am 6. Februar 1931 als Bauerntochter in der Vulkaneifel. Das wissbegierige Mädchen besuchte als Erste in ihrem Dorf eine höhere Schule und wurde schließlich Lehrerin für Deutsch und Englisch.

Doch die junge Frau zog es hinaus in die Welt. In den 1960er Jahren ging sie für fünf Jahre an das Goethe-Institut im indischen Pune (früher Poona) und gab Deutschunterricht. Gleichzeitig machte sie hier erste soziologische Beobachtungen: Während Männer die neue Sprache lernten, um zum Beispiel als Ingenieure in Deutschland zu arbeiten, hatten Frauen ganz andere Beweggründe. Die meisten nutzten das Sprachstudium, um nicht heiraten zu müssen:

Da ist mir erst einmal klargeworden, was Patriarchat bedeutet. Nicht über theoretische Studien, sondern über Praxis und Erfahrung“

Maria Mies in ihrer Autobiografie

Während ihres Aufenthalts in Pune lernte sie den Publizisten Saral Sarkar kennen und führte mit ihm eine langjährige Fernbeziehung, bevor die beiden 1982 heirateten.

Die Indienerfahrungen bewogen Maria Mies, sich auch künftig mit patriarchalischen Strukturen auseinanderzusetzen. Zurück in Deutschland ging sie an die Universität Köln, forschte bei Soziologie-Professor René König zum Patriarchat in Indien und Deutschland und verfasste 1971 ihre Dissertation zum Thema Rollenkonflikte gebildeter indischer Frauen.

Maria Mies und Zita Termeer
Maria Mies und Zita Tenmeer, © Kölner Frauengeschichtsverein

Geprägt durch die 68er-Bewegung wurde Maria Mies auch politisch aktiv. Als Studentin beteiligte sie sich zunächst an mehreren Politischen Nachtgebeten in der Antoniterkirche, einem alternativen Gottesdienst, der eng mit dem Namen der Theologin Dorothee Sölle verbunden ist. Große Themen waren die Abwertung der Frauenarbeit im familiären Bereich sowie die Notwendigkeit, mehr weibliches Selbstbewusstsein zu erlangen. Diese Treffen wurden zum Auslöser von Emanzipationsprozessen und führten zur Bildung der ersten lokalen Frauengruppe, dem Frauenforum Köln e. V.

Derweil arbeitete Maria Mies an ihrer akademischen Karriere. Von 1974 bis 1977 führte sie im Rahmen eines Lehrauftrags an der Universität Frankfurt Seminare zur Geschichte der Internationalen Frauenbewegung durch. Anschließend übernahm sie einen Lehrauftrag an der Fachhochschule Köln für Sozialpädagogik, wo sie sich zunehmend feministischen Themen zuwandte. So richtete sie an der FH eigene Frauenseminare ein, deren Inhalte praktisch-politisch durchgesetzt werden sollten. Dabei ging es vor allem um Gewalterfahrungen. Nachdem damals in London ein erstes Haus für geschlagene Frauen errichtet worden war, beschlossen ihre Studentinnen, eine solche Einrichtung auch in Köln zu gründen.

Portrait Maria Mies
© Kölner Frauengeschichtsverein

1978 veröffentlichte Maria Mies die Postulate der Frauenforschung, die im deutschsprachigen Raum großes Aufsehen erregten. Die Soziologin verlangte nicht nur, den „subjektiven Faktor“ der Forschenden offenzulegen, sondern forderte auch Parteilichkeit für Frauen, was aber gegen die sogenannte wissenschaftliche Objektivität verstieß. Nicht alle Wissenschaftlerinnen teilten ihre Meinung.

Eines ihrer bekanntesten Bücher ist der Sammelband Frauen – Die letzte Kolonie. Zur Hausfrauisierung der Arbeit (1988). Darin entwickelte Maria Mies die These der Hausfrauisierung von finanzieller Unsicherheit, die sie später in der Zeit der neoliberalen Globalisierung auch auf diejenigen Männer ausweitete, die keine festen Anstellungen hatten.

Weitere Forschungsschwerpunkte von Maria Mies wurden Landfrauen in der (wie es damals hieß) Ersten und Dritten Welt, Kapitalismus und Subsistenzwirtschaft (Bedarfswirtschaft), Gentechnik und immer wieder Alternativen zur globalisierten Wirtschaft. Sie publizierte feministische, ökologische und entwicklungspolitische Bücher, die auch ins Englische übersetzt wurden und weltweit Beachtung fanden. Sie forderte, dass gerade Frauen zu Vorreiterinnen von neuen Wirtschafts- und Gesellschaftsformen werden sollten. Dabei ging es auch um die Reduzierung des Konsums, um das Wohlergehen aller zu sichern und die ökologischen Lebensgrundlagen zu erhalten:

Wir sind der Überzeugung, dass die gemeinsamen Werte einer Postwachstumsgesellschaft, Achtsamkeit, Solidarität und Kooperation sein sollten. Die Menschheit muss sich als Teil des planetarischen Ökosystems begreifen“.

Maria Mies

Maria Mies verstand Subsistenzwirtschaft, die auch auf Selbstversorgung setzte, keineswegs als zurück ins Mittelalter, sondern als wichtiges Ziel, das die Grenzen der Natur berücksichtigte. Der Wachstumswahn musste beendet werden.

Mies´ Kritik richtete sich auch gegen die unzureichende demokratische Kontrolle internationaler Finanz- und Handelsinstitutionen wie die WTO, den IWF und Weltbank. Mies war Mitbegründerin des Komitee Widerstand gegen das MAI (Multilateral Agreement on Investement) in Deutschland, das die Öffentlichkeit erstmals über länderübergreifende „Heuschreckenpraktiken“ und die damit verbundene Umweltzerstörung sowie Verarmung der ArbeitnehmerInnen informierte.

Auch nach ihrer Emeritierung 1993 blieb Maria Mies noch lange in der feministischen und globalisierungskritischen Bewegung aktiv, zum Beispiel bei Attac Köln, feminist attac et cetera zum gender mainstreaming hat sie jedoch ihre eigene Einstellung:

Ich bin gegen diese Gleichstellungspolitik. Mit dem, was Männer heutzutage im kapitalistischen Patriarchat machen, will ich nicht gleichgestellt werden. Die Männer verkörpern nicht das ideale Menschenbild für mich. Die Menschen sollen nicht sein, wie die patriarchalischen Männer heute sind. Egal in welchem Land. Wir haben in Deutschland eine Bundeskanzlerin und eine Verteidigungsministerin. Dadurch wirkt das Land vermeintlich fortschrittlich. Viele Feministinnen denken so. Aber die Politik, die diese beiden betreiben, ist dieselbe, sie ist patriarchalisch, ist kapitalistisch, sie ist kolonialistisch – wie eh und je. Was geändert werden muss, ist dieses ganze Bild, die ganze Vorstellung und die ganze Weltanschauung, die den idealen Menschen im Mann sieht. Und das ist eine uralte Geschichte. Das hat nicht erst jetzt angefangen“.

Maria Mies

Nach wie vor lebt Maria Mies mit ihrem Mann in Köln.

Manuskript: Irene Franken

Bearbeitung: Karin Feuerstein-Prasser

Die 89jährige Prof. Maria Mies liest aus ihrer Autobiografie über das ‚Politische Nachtgebet‘ – YouTube

Quellen

  • Methodische Postulate der Frauenforschung- dargestellt am Beispiel der Gewalt gegen Frauen, Maria Mies,in: Beiträge zur Feministische Theorie und Praxis, Köln 1984, Heft 11, Band7, S.7-25
  • Frauen – die letzte Kolonie. Zur Hausfrauisierung der Arbeit, Autorinnen: Claudia von Werlhof, Maria Mies, Veronika Bennholdt-Thomsen, 1988, Rowohlt-Taschenbuch-Verlag, Reinbeck bei Hamburg, ISBN: 3-499-12239-1