„Sie ist in Istanbul geboren.“

Mit diesen Worten beginnt jede öffentliche Vorstellung von mir. Es stimmt, ich wurde am 17. September 1953 in Istanbul geboren und verbrachte dort meine wundervollen ersten neun Lebensjahre. Trotzdem frage ich mich, warum ich nie mit den Worten:

„Sie lebt schon 59 Jahre in Deutschland“

vorgestellt werde. Aber das ist wahrlich eine andere Frage.

Nach Deutschland kam ich am 14. September 1962, drei Tage vor meinem neunten Geburtstag. Mein Vater hatte nach dem Besuch eines Kongresses in Köln spontan beschlossen, eine Zeitlang in Deutschland zu bleiben. Meine nächsten neun Lebensjahre verbrachte ich daher in Moers, Geburtsort meines Lieblingskabarettisten Hanns-Dieter Hüsch, wo ich ein Mädchengymnasium besuchte.  Wenn heute zwecks Frauenempowerment von Mädchenschulen geschwärmt wird, bekomme ich einen Lachanfall. Jedes männliche Wesen, das an unserer Schulmauer vorbeiging, war für uns ein Außerirdischer. Den Wert von Koedukation und Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen lernte ich erst nach dem Umzug nach Gelnhausen kennen, wo mein Vater eine Zahnarztpraxis eröffnet hatte. An der dortigen Grimmelshausen-Schule legte ich mein Abitur ab. Geblieben ist mir der schöne Satz des Barockdichters Grimmelshausen:

„Es hat mir so wollen behagen, mit Lachen die Wahrheit zu sagen“,

was nicht ganz willkürlich ist, weil es meinem Naturell entsprach.

Meine nächste Station war Marburg. Hier begann ich 1972 mit dem Studium der Medizin, Psychologie und Völkerkunde. Natürlich interessierte ich mich auch für Politik, denn so wurde ich in meinem links-laizistischen Elternhaus erzogen. Mein Vater war überzeugter Sozialist, bei meiner Mutter kam die Frauenfrage hinzu. Religion hielten beide für

„Opium des Volkes“

vor allem zum Schaden der Frauen. Aber das war bei uns Familientradition.

Mein Großvater, ehemaliger Schulleiter in Edirne, vertrat eine dezidierte Einstellung zum Tragen des Kopftuchs:

„Könnte es sein, dass Gott die Frauen mit Haupthaar ausgestattet hat, um ihnen das Zeigen dieser Pracht gleich wieder zu verbieten? Wenn Gott gewollt hätte, dass Frauen ihr Haupthaar nicht zeigen, hätte er sie ohne Haupthaar erschaffen.“

Muss ich hinzufügen, dass mein Großvater für mich eine sehr wichtige Bezugsperson war?

1981 beendete ich mein Studium der Psychologie in Marburg. Weil Psycholog*innen damals wie geschnitten Brot gesucht wurden, erhielt ich eine Anstellung in der Psychologischen Beratungsstelle der Stadt Köln. Hier sollte ich die nächsten 15 Berufsjahre verbringen und therapeutisch arbeiten.

Nach meiner Promotion 1987 heiratete ich den Lehrer Ahmed Akgün, 1989 bekamen wir eine Tochter. Wir sind bis heute zusammen, was manches Erstaunen auslöst.

Portrait Lale Akguen mit Ehemann
Lale Akgün mit Ehemann, © vvg-koeln

Die Arbeit bei der Erziehungsberatungsstelle war wie auf mich zugeschnitten. Der Leiter dieser damals größten psychologischen Beratungsstelle in Deutschland sah es als unsere Aufgabe an, vor allem sozial Benachteiligte zu erreichen. Vorbild für meine Arbeit war Salvador Minuchin (1921-2017), ein argentinischer Psychiater, der die strukturelle Familientherapie gegründet und sehr erfolgreich bei sozial benachteiligten Familien angewandt hat. Es waren großartige 15 Jahre. Noch heute sprechen mich ehemalige Klient*innen auf der Straße an, schreiben mir und empfehlen mich weiter. Und das, obwohl ich bereits 1996 dort aufgehört habe, um in Solingen das Landeszentrum für Zuwanderung NRW aufzubauen.

Das Landeszentrum sollte eine Vernetzungsstelle zwischen Wissenschaft und Praxis werden und die Landesregierung in Integrationsfragen beraten. Eine sehr spannende Aufgabe, denn die einzigen Vorbilder gab es in Schweden und den Niederlanden. Sechs Jahre lang habe ich in Solingen mit einem jungen, interdisziplinären Team gearbeitet, dessen Arbeit weit über die Grenzen von NRW bekannt und geschätzt wurde.

2002 zog ich für die SPD in den Bundestag ein. Meinen Wahlkreis im Kölner Südwesten habe ich zweimal direkt gewonnen. Ich war die erste Bundestagsabgeordnete mit Migrationshintergrund. Diese Leistung für das Zusammenwachsen der Gesellschaft ist den Kölner*innen zu verdanken, die mich damals gewählt haben. Als bei den Bundestagswahlen die AfD just in meinem ehemaligen Wahlkreis mit 2,9 % das bundesweit schlechteste Ergebnis geholt hat, hat mich das sehr gefreut, aber nicht weiter erstaunt. So kenne ich den Kölner Südwesten.

Beim dritten Anlauf 2009 ging der Wahlkreis an die CDU und ich wechselte in die Staatskanzlei NRW. Über die Jahre als Bundestagsabgeordnete ließe sich viel erzählen. Vielleicht nur so viel: Ohne meine therapeutische Ausbildung hätte ich sie wahrscheinlich nicht so gut überstanden.

In der Staatskanzlei war ich ab 2010 zuständig für internationale Angelegenheiten und Eine Welt Politik. Später übernahm ich das Projekt „new trade“. Dieses Nachhaltigkeitsprojekt brachte mich über die öffentliche Beschaffung in die Welt der nationalen und internationalen Wirtschaftskreisläufe und der Wertschöpfungsketten. Es zeigte mir auf, was im Bereich der ökonomischen, ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit zu tun ist. Ich möchte festhalten: Dieses Thema löst Leidenschaft aus.

So blieb ich auf der letzten Etappe meiner beruflichen Laufbahn an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg dem Thema Nachhaltigkeit treu.

In der Zwischenzeit habe ich sechs Bücher geschrieben, an vielen mitgearbeitet und unzählige Artikel zu den Themen Migration und Integration, Islam aber auch zur Nachhaltigkeit veröffentlicht. Die Welt der Bücher ist eine ganz eigene Welt, für mich eine der schönsten Welten überhaupt.

Portrait Lale Akguen
© vvg-koeln

Ich werde oft gefragt, wie es mir als „türkische“ Frau möglich war, dieses Leben zu führen. Türkisch, deutsch, italienisch – all das spielt keine Rolle. Das Geheimnis liegt – wie fast immer – in der Familie. Mein Vater pflegte auf die Frage, wie das sei mit zwei Töchtern, zu antworten: Jede meiner Töchter ist zehn Söhne wert! Und meine Mutter unterstützte mich bedingungslos. Ihr Mantra: Lale kann alles erreichen.

Was sagt Freud? Lieblingskinder ihrer Eltern sind Lieblingskinder des Lebens!

Autobiografie