Der Slogan, „Mein Körper gehört mir“, war auch für mich der Aufbruch in eine andere Zeit.

Gerade mal 19 Jahre jung traf ich auf mutige und kluge Frauen, auf Künstler:innen, Häxen und Heiler:innen, auf Wissenschaftler:innen, Abenteurer:innen und Suchende. Es galt „die Welt neu zu denken“ (Verena Stefan).

Die Analysen der feministischen Wissenschaftler:innen, gepaart mit dem Weckruf von Maria Mies, „die Theorie ist das Vehikel für die Praxis“, ermutigten mich und viele andere, tätig zu werden, ein neues Bezugs- und Beziehungsnetz (affidamento) zu erproben und zu verwirklichen, und die symbolische Ordnung (Wie weibliche Freiheit entsteht – Eine neue politische Praxis, Orlanda Verlag) wiederherzustellen.

Geboren bin ich 1957 in einem bäuerlichen Dorf in der Zentralschweiz. Die Auswirkungen von Gewalt gegen Frauen habe ich sozusagen mit der Muttermilch „verabreicht“ bekommen. Angeführt von den Frauenverächtern der katholischen Kirche war die Geburt meiner ältesten Schwester als Körperbehinderte – ohne Arme und Beine – Grund genug, meine Mutter sozial zu ächten und sie in die innere Emigration zu treiben. Diese traumatische Erfahrung war prägend. Mein Verlangen nach Heilung und Gerechtigkeit – und meine widerständige körperbehinderte Schwester- wurden mir Auftrag und Vorbild.

Die Ausbildung zur Krankenschwester war ein erfolgreicher Schritt, den engen dörflichen Strukturen zu entkommen. In Basel erwartete mich der Aufbruch der Frauenbewegung. Hier gründete ich mit anderen Mitstreiter:innen die „Frauenpraxis Paradies“, in der wir die Erkenntnisse und das Wissen der damals weltweit entstehenden Frauen-Gesundheitsbewegung gepaart mit Gynäkologie und Geburtshilfe umsetzten.

Foto: privat

Ein nächster Aufbruch führte mich von der Schweiz nach Niederbayern. Die Matriarchats-Theorie von Heide Göttner-Abendroth war überzeugend genug, um die Praxis zu erproben. Ein Kollektiv von Schweizerinnen und deutschen Frauen zog auf einen Bauernhof in Niederbayern, übte sich in Subsistenzwirtschaft und begründete die Akademie HAGIA. Dort begegnete ich „Vorschwestern“ wie Erika Wisselinck, Maria Mies, Claudia von Werlhof, Rosmarie Schmid und anderen. Das Experiment Matriarchale Praxis scheiterte, aber die Reise mit der deutschen Frauen- und Lesbenbewegung hatte für mich erst gerade begonnen.

Ich zog ins Rheinland, dahin, wo „Göttinnen das Land beschützen“, in die Eifel.

Mich lockten die Frauenbildungshäuser in Zülpich und anderswo, die mir einen sicheren Boden boten, um mit vielen anderen Frauen eine Praxis der feministischen Spiritualität zu erkunden. Mit den feministischen Heilpraktikerinnen Lachesis e.V. führten wir die Forschung und Umsetzung einer feministischen Heilkunde fort. Die Pionierinnen der feministischen Psychotherapie (Polina, Hilsenbeck, Christa Schulte, Sabine Scheffler, Dami Charf und andere) boten einen haltgebenden Rahmen, um sich mit den Folgen von Gewalt gegen Frauen auseinanderzusetzen.

2003 bekam ich von medica mondiale die Anfrage, mit meinem medizinischen und traumatherapeutischen Hintergrund in Afghanistan Hebammen in Traumasensibilität zu schulen.  Neugierig, ob meine inzwischen gefestigte feministische Haltung auch in der Begegnung und Auseinandersetzung mit Frauen im internationalen Kontext tragfähig sein würde, und natürlich im Gepäck der ansteckende Mut von Monika Hauser (Gründerin von medica mondiale), öffnete sich für mich ein neues, existenzielles Feld feministischer Praxis.

Foto: Heike Fischer

In der internationalen Zusammenarbeit mit feministischen Aktivistinnen habe ich weit mehr als nur meine Fachlichkeit entwickeln können. Meine ganze Person, meine Identität als Queer-Feministin, wird durch die Auseinandersetzung mit Gemeinsamkeiten und Unterschieden, dem Umgang mit Macht und Privilegien, der Konfrontation mit dem eigenen katholisch geprägten kolonialen Erbe, immer wieder neu geschliffen. Zusammen „auszuhalten, was uns trennt“ (Audre Lord) gibt Kraft, nicht aufzugeben und der patriarchalen Zerstörung von Leben und Lebensgrundlagen weiterhin die Stirn zu bieten.

2004 eröffnete ich meine Praxis in Euskirchen. Gemeinsam mit den Kolleginnen von Geld und Rosen (Unternehmensberatung für Frauen) schlossen wir uns in der Büro- und Praxisgemeinschaft zusammen. Hier war mein Ausgangsort für die deutschlandweite Bildungs- und Beratungsarbeit.

Seit 2013 konzentriere ich mich hauptsächlich auf die Qualifizierung von Mitarbeitenden im Sozial- und Gesundheitswesen in einer Stress- und Traumasensiblen Haltung. Diese Arbeit (Supervision, Coaching und Training) führt mich immer wieder in die Mitte der patriarchalen Machtzentren zurück. Im Kontakt mit den Hebammen habe ich Einblick in die verknöcherten Hierarchien der Kreißsäle. Mit den Mitarbeitenden in den Frauenhäusern kämpfen wir gegen Ohnmacht und Verzweiflung, angesichts der nach wie vor beschämend hohen Zahlen von Gewalt gegen Frauen*. In der Jugendhilfe begegne ich engagierten Pädagog:innen, die misshandelten und verwahrlosten Kindern und Jugendlichen eine Grundlage für eine bessere Zukunft schaffen wollen. Die Unterstützung im Flucht- und Asylwesen fühlt sich angesichts der politischen Zyniker oft weniger wirksam an als die Arbeit in einer Krisenregion im Globalen Süden.

In Kurdistan, Foto: Alhan Murad

Durch meine Arbeit mit politischen Aktvist:innen kann ich an zukunftsweisenden Aufbrüchen partizipieren. Sei es in schwul-, lesbisch-, queeren Beratungs- und Bildungszentren in Deutschland oder in feministischen Kollektiven in der Schweiz. Ich schätze die Chance sehr, mein feministisches Verständnis zu erweitern, einen intersektionalen Feminismus einzuüben und damit die weiße feministische Dominanz zu dekonstruieren.

Hier schließt sich ein Kreis: weiterhin verbunden mit der Feministischen Frauenorganisation medica mondiale und den Kolleg:innen vom „feminist consulting collective“ (Bele Grau und Daniela Gierschmann) habe ich teil an den Diskussionen und Auseinandersetzungen internationaler feministischer Bewegungen.

Zuversichtlich schaue ich auf die Nachfolger:innen der jungen Generation queer feministischer Kämpfer:innen. Sie sind bunt, laut und frech. Mit dem Thema der Care-Arbeit mobilisieren sie ausgebeutete migrantische Frauen* aus dem Dienstleistungssektor, kritische Sozialarbeiter:innen, Transmenschen, Klimaktivist:innen, zornige Antifas und die OMAS GEGEN RECHTS.

Mittlerweile bin ich in die Jahre gekommen, übe mich ein in den Lebensabschnitt einer „Seniora“. Der feministische Kompass hat es mir immer wieder erlaubt, in der Mitte des Patriarchats Nadelstiche zu setzen und dabei relativ unversehrt zu bleiben. Die vielfältigen feministischen Aufenthaltsorte an den Rändern sind und bleiben meine Beheimatung.

„Man geht niemals so ganz“!

Nach 40 Jahren Aufenthalt in Deutschland verlagere ich Ende 2026 meinen Lebensmittelpunkt zurück in die Schweiz, voller Dankbarkeit für das reichhaltige feministische, lesbische Leben im Rheinland.

Autorin: Maria Zemp