Ich wurde 1951 in Mönchengladbach, der Stadt des Fußballs und der Fabrikschlote, geboren, doch mein Lebensmittelpunkt ist seit 40 Jahren in Köln. Eigentlich sollte ich Pianistin werden, ein Beruf, von dem meine Mutter immer geträumt hatte, aber es kam anders. Ich wurde Schriftstellerin. Der Grund: Das Klavier war mir einfach zu eng. Ich machte Abitur auf dem Höhepunkt der Studentenbewegung, 1969, als die APO und der SDS auf die Straßen gingen, um gegen den Vietnam-Krieg und die Notstandsgesetze zu demonstrieren, als die Schüsse auf Rudi Dutschke gefallen waren und Ulrike Meinhof die ersten Texte der neuen Frauenbewegung schrieb. Nein, das war nicht die Zeit für Czerny-Etüden. Ich wollte lesen, schreiben, ja, auch die Welt verändern. Ich ging nach Bonn und schrieb mich an der Universität ein, für Musikwissenschaft, Germanistik und Orientalistik. Ob die Wahl dieser Fächer besonders klug war, möchte ich heute bezweifeln. Aber Soziologie oder gar Politologie zu studieren, hätte ich mich niemals getraut, schon aus Angst vor meinen Eltern nicht, die ultra-konservativ waren, immer noch vom „deutschen Herrenmenschen“ sprachen und von Willy Brandt als einem „Vaterlandsverräter namens Herbert Frahm“.

Preisverleihung in einem Aufsatzwettbewerb
Schon in den ersten Jahren meiner Berufstätigkeit – ich war Musikredakteurin beim Westdeutschen Rundfunk – stieß ich auf eine eklatante Lücke in der Kulturgeschichtsschreibung. Wo waren die Frauen, besonders im Bereich der Musik, der Komposition? Warum kamen in den Programmen, die ich zusammenstellen musste, immer nur Männer vor, Beethoven, Mozart, Bach oder auch völlig Unbekannte? Waren wirklich nur Männer zum Komponieren fähig? Oder waren die Frauen in der Musik einfach vergessen und unterdrückt worden? Diese Fragen ließen mich nicht mehr los. In den 1970er Jahren begann ich mit Forschungen, die mich zu einer der Pionierinnen der Frauenmusikforschung machten. Ich entdeckte hunderte genialer Komponistinnen vom Mittelalter bis zur Gegenwart, sammelte ihre Werke und schrieb ihr Leben auf. Mein Buch „Komponistinnen aus 500 Jahren – eine Kultur- und Wirkungsgeschichte in Biografien und Werkbeispielen“ (1980) und meine Biografie über Clara Schumann (1990) waren Meilensteine auf diesem Weg.
Köln war dabei für mich stets mehr als nur ein Wohnort. In Köln gründete sich der Arbeitskreis „Frau und Musik“ um die leider viel zu früh verstorbene Dirigentin Elke Mascha Blankenburg. Köln bot mir den Freiraum für meine Arbeit als Schriftstellerin, Rundfunkautorin und Filmemacherin. Ich schrieb Hörspiele und Features, spürte in Dokumentarfilmen vergessenen Geschichten nach und deckte die Verstrickungen der Musikwissenschaft im Nationalsozialismus auf. In Köln bekam ich auch meine beiden Kinder, Lilli und Niko, die ich größtenteils allein erzog, eine Erfahrung, die mich in meinem feministischen Engagement noch bestärkte. Alleinerziehende Väter galten damals als Helden, alleinerziehende Mütter als Schlampen und Emanzen, die nur ihre sexuelle Freiheit suchten. Fast niemand hielt zu ihnen. Fast niemand fragte, was ihnen widerfahren war, auch die Frauenbewegung nicht. Ich versuchte, das Thema in der „Emma“-Redaktion anzubringen, vergeblich. Also kämpfte ich weiter, nicht nur gegen Vorurteile in Jugendämtern, Kindergärten und Schulen, sondern auch gegen einen riesigen Schuldenberg, den mir der Vater meiner Kinder hinterlassen hatte, ohne jemals einen Pfennig davon zurückzuzahlen.
Das alles führte dazu, dass ich noch konsequenter wurde. Es reichte nicht, mich mit Frauen in der Musik zu befassen. Ich musste auch anderen Frauen ihre Stimme zurückgeben, Frauen, die doppelt und dreifach aus dem kulturellen Gedächtnis gedrängt worden waren, sei es, weil sie im Schatten ihrer „genialen“ Männer oder Väter standen oder als Jüdinnen und Antifaschistinnen verfolgt wurden. 2002 schrieb ich ein Buch über Tussy Marx, die jüngste Tochter von Karl Marx, die im viktorianischen England für die Rechte von Frauen, Juden und ArbeiterInnen gekämpft hat. Es folgten Bücher über die Kölnerin Luise Straus-Ernst, Kunsthistorikerin und Autorin jüdischer Herkunft, die immer nur als erste Frau des Malers Max Ernst wahrgenommen wurde, obwohl sie großartige Reportagen und Feuilletons geschrieben hat, in Köln und im französischen Exil, aus dem sie 1944 nach Auschwitz deportiert wurde. 2020 schrieb ich ein Buch über die Beziehung zwischen dem Philosophen Walter Benjamin und seiner Frau Dora, geborene Kellner, die bis dahin nahezu unbekannt war. Sie war Chemikerin, Pazifistin und Journalistin, schrieb einen Antikriegsroman „Gas gegen Gas“, übersetzte neue amerikanische Literatur ins Deutsche und machte große Reportagereisen durch die USA, während ihr Mann ein erbittertes Scheidungsverfahren gegen sie führte, in dem sie beinahe alles verloren hätte, ihr Haus, ihren guten Ruf, ihren Sohn und ihre wirtschaftliche Existenz. Trotzdem zeigte sie sich generös und verzieh ihm, ja, nahm ihn nach 1933 immer wieder bei sich auf, in der „Villa Verde“ oder dem „Hotel in Sanremo“, über das ich 2022 ein weiteres Buch schrieb. In dieses Hotel kamen nicht nur Touristen aus aller Welt, sondern auch viele jüdische Flüchtlinge wie z.B. Theodor und Gretel Adorno, die den Jahreswechsel 1937/38 dort verbrachten, bevor sie über England ins amerikanische Exil gingen. Walter Benjamin ging nicht mit, weil er lange nicht an die Möglichkeit eines Zweiten Weltkrieges glaubte. Erst im September 1940 entschloss er sich, Frankreich über die Pyrenäen zu verlassen. Dabei half ihm die Fluchthelferin Lisa Fittko, Widerstandskämpferin, Jüdin und Kommunistin, von der mein bisher letztes Buch handelt. Ihr widerfuhr das seltsame Schicksal, dass sie in der öffentlichen Wahrnehmung nur auf die wenigen Stunden reduziert wurde, die sie an Benjamins Seite verbracht hat, obwohl sie noch Hunderte anderer Flüchtlinge über die Berge führte und damit Hunderte von Leben rettete.
Dass meine Arbeit wahrgenommen und gewürdigt wird, erfüllt mich mit Dankbarkeit. 2023 erhielt ich den Luise-Büchner-Preis für Publizistik, 2024 den Giesberts-Lewin-Preis der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. Die Arbeit am Thema „Frau und Musik“ habe ich in die Hände einer jüngeren Generation gelegt, die sie mit großem Engagement fortführt und zu ständig neuen Ergebnissen kommt, die sich in Konzerten, Büchern und Schallplatten niederschlagen. Darüber freue ich mich.
Autorin: Eva Weissweiler

Auszug aus dem Werkeverzeichnis
Lisa Fittko – Biographie einer Fluchthelferin, Hoffmann und Campe Hamburg 2024
Komponistinnen aus 500 Jahren: eine Kulturgeschichte in Biographien und Werkbeispielen. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M. 1981
Clara Schumann. Eine Biographie. Hoffmann und Campe, Hamburg 1991
Ausgemerzt! Das Lexikon der Juden in der Musik und seine mörderischen Folgen. Dittrich, Köln 1999
Tussy Marx. Das Drama der Vatertochter. Biographie. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2002
Die Freuds. Biografie einer Familie. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2006
Erbin des Feuers. Friedelind Wagner. Eine Spurensuche. Pantheon Verlag 2013
Notre Dame de Dada. Luise Straus-Ernst – das dramatische Leben der ersten Frau von Max Ernst. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016
Lady Liberty: Das Leben der jüngsten Marx-Tochter Eleanor. Hoffmann und Campe, Hamburg 2018
Das Echo deiner Frage: Dora und Walter Benjamin – Biographie einer Beziehung. Hoffmann und Campe, Hamburg 2020
Villa Verde oder Das Hotel In Sanremo – das italienische Exil der Familie Benjamin, btb München 2022