Ein Leben lang waren es die Schwächsten der Gesellschaft, die ihr besonders am Herzen lagen. Zunächst richtete sie ihr Augenmerk auf Säuglinge und Kleinkinder, die in prekären Verhältnissen aufwuchsen. Oft waren deren Mütter aus finanziellen Gründen gezwungen, einer Arbeit nachzugehen und mussten den Nachwuchs ohne Betreuung daheim zurücklassen. Daher gründete die damals in Leipzig lebende Edith Mendelssohn-Bartholdy einen Verein, um für die Kinder von Fabrikarbeiterinnen die dringend benötigten Krippenplätze zu schaffen.
Gleichzeitig engagierte sie sich im kulturellen Bereich, gehörte Anfang der 1930er sowohl in Leipzig als auch in Berlin zu den Gründungsmitgliedern der Künstlerinnengemeinschaft GEDOK. Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft wurde sie von den Nationalsozialisten gezwungen, all ihre Ämter niederzulegen. Edith Mendelssohn-Bartholdy emigrierte nach England, kehrte aber nach Kriegsende zurück nach Deutschland und wagte einen Neuanfang in Köln. Erschüttert von der „oft traurigen Lage“ der älteren Generation kämpfte sie nunmehr für einen würdigen Lebensabend.
Als Edith Speyer am 6. Januar 1882 in Berlin geboren wurde, entschlossen sich ihre jüdischen Eltern, die Tochter protestantisch taufen zu lassen. Sie waren nicht die einzigen. Viele hofften damals, dass es ihre Kinder so im Leben leichter haben würden.

Nach dem Besuch der Höheren Töchterschule, die sie mit dem Lehrerinnenexamen beendete, arbeitete die 19-Jährige an der Luisen-Stiftung in Berlin Dahlem, einer damals fortschrittlichen Bildungsstätte für angehende Erzieherinnen. Sie musste die Arbeit aufgeben, nachdem sie am 6. November 1905 den Bankier Ludwig Mendelssohn-Bartholdy geheiratet hatte, denn damals galt das „Lehrerinnenzölibat“, das nur ledigen Frauen gestattete, diesen Beruf auszuüben.
Die Ehe blieb kinderlos. 1908 unternahm das Ehepaar eine längere Weltreise, die sie nach China, Japan und Nordamerika führte. Nach der Rückkehr zog man nach Leipzig, wo Ludwig Mendelssohn-Bartholdy die Leitung einer Bankfiliale übernahm. Edith engagierte sich derweil im kulturellen Bereich, wurde Mitglied im Leipziger Kunstverein und der Gesellschaft der Freunde des Kunstgewerbemuseums, der sie einige wertvolle Exponate aus China und Japan schenkte.
Doch schon bald richtete Edith Mendelssohn Bartholdy ihr Augenmerk auf die desolaten Verhältnisse, in denen gerade viele Arbeiterfamilien lebten. Wenn auch die Frauen gezwungen waren, Geld zu verdienen, ließen sie Säuglinge und Kleinkinder nicht selten allein zurück, bis die älteren Geschwister aus der Schule kamen. Das wollte Edith Mendelssohn-Bartholdy keineswegs hinnehmen. Gemeinsam mit anderen Frauen beschloss sie, einen Verein zu gründen, um die dringend benötigten Krippenplätze zu schaffen. Vor einigen Jahren wäre das noch unmöglich gewesen, erst seit 1908 erlaubte das Reichsvereins- und Versammlungsgesetz auch den Frauen, einem Verein beizutreten oder einen zu gründen.

So entstand 1912 der Leipziger Krippenverein e.V., der schon wenig später die erste Kinderkrippe mit 18 Plätzen eröffnen konnte. Sie war von 7 bis 19 Uhr geöffnet und nahm vorwiegend mutterlose Kinder, Waisen oder Kinder alleinerziehender Mütter auf. Es folgten weitere Einrichtungen, die gerade in der Zeit des Ersten Weltkriegs dringender denn je benötigt wurden. Denn während die Männer an der Front kämpften, mussten die Frauen einspringen und die vakanten Stellen besetzen.
Ein Großteil der Vereinsarbeit lag bei Edith Mendelssohn-Bartholdy. Sie erledigte den Briefverkehr, verfasste Berichte und hielt in ihrer Privatwohnung tägliche Sprechstunden ab.
Ein trauriger Einschnitt in ihrem Leben war der Tod ihres Ehemanns Ludwig, der kurz vor Kriegsende 1918 in Lettland an der Front ums Leben kam. Nun musste sie selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen. Im Leipziger Stadtteil Gohlis eröffnete sie einen Laden für Kunsthandwerk und Volkskunst, den sie bis 1936 führte.
Doch soziale Themen beschäftigten sie auch weiterhin. Nachdem die Weimarer Verfassung den Frauen 1919 das aktive und passive Wahlrecht ermöglicht hatte, trat Edith Mendelssohn-Bartholdy in die linksliberale Deutsche Demokratische Partei (DDP) ein und kandidierte für das Leipziger Stadtparlament. Als Abgeordnete setzte sie sich bis 1927 engagiert für soziale und kulturelle Belange ein.
1930 übernahm Edith Mendelssohn-Bartholdy den Vorsitz der Künstlerinnenvereinigung GEDOK in Leipzig und organisierte noch im gleichen Jahr eine Ausstellung. Nach ihrem Umzug nach Berlin 1932 gründete sie auch hier eine Ortsgruppe, deren Vorsitzende sie wurde.
Als im Jahr darauf die Nationalsozialisten an die Macht kamen, war sie gezwungen, alle Ämter niederzulegen und später auch ihr Geschäft zu schließen. 1936 emigrierte sie nach England, wo sie offensichtlich an einer Schule für Flüchtlingskinder arbeiten konnte. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kehrte Edith Mendelssohn-Bartholdy zurück nach Deutschland, zog 1953 nach Köln-Marienburg und baute sich eine neue Existenz als Kunsthändlerin auf. Doch den Blick für die weniger privilegierten Menschen hatte sie nicht verloren. Ihr neues Thema wurde die Altersdiskriminierung. Im Januar 1957 erhielt sie beim WDR sogar eine eigene Sendung: „Der Lebensabend“. Ihr Anliegen war nicht nur die Verbesserung der Lebensverhältnisse, sondern auch eine sinnvolle Beschäftigung. Auch im Alter sollten die Menschen die Hände nicht einfach in den Schoß legen, „denn nichts macht schneller alt und krank als Untätigkeit“, schrieb sie. Edith Mendelssohn-Bartholdy selbst blieb bis ins hohe Alter aktiv. Sie gab Bücher heraus und wurde als Beraterin von Wohlfahrtsstellen und Referentin zur gefragten Spezialistin für das Thema „Alter“. Anfang der 1960er Jahre eröffnete sie in Anwesenheit des Bundespräsidenten Heinrich Lübke im Stadtteil Klettenberg den ersten Kölner Altenclub – eine Idee, die sie von ihrem Aufenthalt in England mitgebracht hatte.
1969 zog Edith Mendelssohn-Bartholdy in die Riehler Heimstätten und starb am 9. Juli des Jahres im Alter von 87 Jahren. Ihr Grab befindet sich auf dem Melatenfriedhof.
Autorin: Karin Feuerstein-Prasser
Quelle: Internetseite „Edith Mendelssohn-Bartholdy“ von FrauenWiki mit Material vom Kölner Frauengeschichtsverein
Mendelssohn Bartholdy, Edith Luisa Ida – Frauen in der Leipziger Politik – Stadt Leipzig