„Ich wage oft den ersten Schritt, ohne zu wissen, was daraus wird.“ Glücklicherweise ist eigentlich immer was draus geworden, wenn Karolin Balzar gewagt hat, den ersten Schritt zu gehen. Zum Beispiel – um mit dem frohsinnigsten ihrer Projekte anzufangen – „die „SchnittchenSitzung-mehr als Karneval e.V.“, Kölns lesbisch-feministische Karnevalssitzung, die Karolin 2007 gemeinsam mit Imi Paulus gegründet hat, und die heute eine feste Größe im alternativen Karneval ist. Oder Kölns erste Lesbendisco, die sie 1986 mit ins Leben rief, getreu ihrem Motto: „Lasst es uns einfach versuchen!“. Aber auch in ihrem Beruf als Sozialarbeiterin leistete Karolin Balzar Pionierinnenarbeit: Mitte der 1990er Jahre begann sie beim „Sozialdienst katholischer Frauen“ (SkF), in Köln die Hilfen für wohnungslose Frauen aufzubauen, die heute, aufgrund der vielfältigen Angebote, weit über die Grenzen Kölns Beachtung findet.
Karolin Balzar wird am 4. Oktober 1962 in Bergneustadt geboren. Nach dem Abitur kommt sie 1983 für ihr freiwilliges soziales Jahr und zum Studium der Sozialarbeit nach Köln – und bleibt. Nach ihrem Anerkennungsjahr bei der Stadt Köln bei der Aidsberatung im Gesundheitsamt und beim Jugendamt beginnt sie 1989 beim „Sozialdienst katholischer Frauen“. Der SkF wurde 1899, damals noch „Katholischer Fürsorgeverein für Frauen, Mädchen und Kinder“, in Dortmund von der Sozialarbeiterin und späteren Reichstagsabgeordneten Agnes Neuhaus gegründet. Eine Zielgruppe des Vereins: sogenannte „gefallene Mädchen“, sprich: unehelich oder durch Missbrauch schwangere (junge) Frauen, Prostituierte, Obdachlose. An diese Tradition knüpft der SkF bis heute an. Im Mai 1995 wird Karolin Leiterin des Bereichs „Wohnungslose Frauen“.


© Karolin Balzar
Frauen, die auf der Straße leben, mögen heute im Bewusstsein der Öffentlichkeit angekommen sein. Damals, vor rund 30 Jahren, waren sie es noch nicht. „Frauen auf der Straße sind unsichtbar“, weiß die Sozialarbeiterin. Sie kaschieren ihre Situation viel häufiger und konsequenter als Männer, „weil Scham eine große Rolle spielt“. Und: Die Dunkelziffer ist hoch, weil wohnungslose Frauen nicht als solche identifiziert werden wollen. Daher gehen sie häufig sogenannte Zwangsgemeinschaften ein, leben an prekären Orten wie in Wohnwagen oder ihren Autos oder kommen nicht selten bei Männern unter, die dafür eine Gegenleistung verlangen. Doch auch auf der Straße oder in den Unterkünften werden obdachlose Frauen regelmäßig Opfer von Übergriffen. Sie verteidigen sich mit ihren Mitteln: „Das Extremste, was ich erlebt habe, war eine Frau am Neumarkt, die sich komplett mit Ungeziefer wie Läusen und Krätzemilben hat befallen lassen, um sich zu schützen.“ Eine andere Variante: „Die Frauen leben mit Hunden als Beschützer.“
„Uns war klar: Wohnungslose Frauen brauchen spezielle Angebote.“ Dazu gehört, dass sie nicht in gemischtgeschlechtlichen Unterkünften untergebracht werden sollten. Schon bald öffnet die Notschlafstelle „Comeback“ ihre Pforten für Frauen, es folgt das Café Auszeit, in dem wohnungslose oder davon bedrohte Frauen tagsüber Angebote der Grundversorgung wie essen, duschen, Wäsche waschen wahrnehmen können, ebenso wie Beratungsgespräche. Und immer wieder zeigt sich, dass „es eine neue Zielgruppe gibt, bei der wir sehen: Die ist nicht versorgt.“ Was ist mit den psychisch kranken obdachlosen Frauen? Und wie steht es mit den alten obdachlosen Frauen? Immer wieder geht es darum, „voranzugehen und eine Vision zu haben und zu sagen: Da müssen wir einsteigen!“

Der Bereich „Hilfen für wohnungslose Frauen“, der 1995 mit Karolin Balzar und einem Team mit zwei Mitarbeiterinnen an den Start gegangen ist, hat heute zwei weitere Leitungskolleginnen und 82 Mitarbeiterinnen, die in insgesamt sechzehn Angeboten Unterstützung für wohnungslose Frauen anbieten. Sie heißen u.a. „Sen[i]ora“, „Respekt“, „Haus Erna“ oder „Haus Zwischen.Zeit“ und sind da für Frauen aller Altersgruppen, die hier bekommen, was sie brauchen: von der Begleitung zum Amt oder zu Ärzt:innen bis zum Platz in einem Wohnangebot oder eigener Wohnung. „Das Entscheidende ist, dass die Frauen spüren: Ich werde akzeptiert und gelassen, wie ich bin“, sagt Karolin Balzar. Was es dazu braucht? „Klarheit, Ehrlichkeit, Zeit und Augenhöhe“. Als Leiterin der Teams vertritt sie die Angebote für wohnungslose Frauen auch in Netzwerken oder bei Ministerien.
Seit 1989, also fast vier Jahrzehnten, ist Karolin Balzar jetzt beim „Sozialdienst katholischer Frauen“, was auch deshalb keine Selbstverständlichkeit ist, weil ihre „Lebensweise“ in Trägern der katholischen Kirche bis November 2022 offiziell ein Kündigungsgrund war. Karolin hat sich trotzdem „als eine der ersten geoutet und gesagt, dass ich mit einer Frau lebe“. Eine Mitarbeiterin schwärzt sie bei der Geschäftsführung an, weil sie „in Sünde lebt“, glücklicherweise folgenlos. Auch als die „Sünderin“ im Jahr 2000 Co-Mutter einer Tochter wird, tragen Geschäftsführung und Vorstand das mit. Noch heikler wird es, als Karolin und ihre Lebensgefährtin 2014 die Eingetragene Lebenspartnerschaft eingehen und später auch standesamtlich heiraten, denn das landet unweigerlich in der Personalakte. Wegen ihrer Leitungsfunktion musste der Vorstand im Vorfeld darüber informiert werden und zustimmen. „Der Vorstand hat mir gratuliert“, erzählt Karolin. Aber gleichzeitig ist klar: Sollten die Kölner Kirchenmänner die lesbische Mitarbeiterin entlassen wollen, „würde die Geschäftsführung mich nicht schützen können“. Karolin heiratet trotzdem.
Ohnehin ist sie in der „Szene“ längst eine feste Größe. Schon 1984 hatte sie die Frauen-/Lesbenband „Exenschuss“ mit Ilka Tenne-Mathow gegründet, zwei Jahre später die Lesbendisco, später mit dem Namen „Entre Nous“, die einmal im Monat im legendären SCHuLZ, dem Schwulen- und Lesbenzentrum, stattfindet. Hier zeigte Karolin ihr DJaneTalent und legt Platten auf. 1998 folgen (gemeinsam mit Imi Paulus und Ilka Tenne-Mathow) die „Wilden Orchideen“, eine „Lesbenschlagerband“, die im Siebziger-Jahre-Style in der Tat wilde Cover-Versionen auf die Bühne bringt („Thea, wir fahr’n ins Schulz“).
Und schließlich 2007: die „SchnittchenSitzung“. Mittlerweile fünfmal pro Session spielt das Ensemble, zu dem Karolin gehört, im Altenberger Hof eine Mischung aus Frohsinn und Feminismus, aus Hätz und Hirn. Aber die Sitzung ist viel größer als das siebenköpfige Ensemble, sie ist ein Community-Projekt: von Regie bis zu den Texterinnen, von der Hausband „Silberzwiebeln“ bis zu den Saalhelferinnen, von den Kulissenbauerinnen bis zur Programmiererin – alles Frauen (bis auf den Tontechniker), die ihr Können und ihre Zeit investieren, damit das lesbisch-feministische Kleinod jedes Mal wieder zustande kommt. Nicht zu vergessen die zahlreichen Sponsorinnen und „Mitschnittchen“, die durch ihre finanzielle Unterstützung der Sitzung ein weiteres Fundament geben. „Dieser Geist der Verbindung, ob auf, hinter oder vor der Bühne, ist besonders und den finde ich total wichtig!“ Was es dazu braucht, um so etwas aus der Taufe zu heben? Drei Dinge: „Neugier, Lust und Mut! Und das Tolle ist, dass dann plötzlich auch die Menschen da sind, die mitmachen und alles ins Leben kommt!“
Sie und Mitgründerin Imi Paulus hätten damals „die Lücke“ gesehen. Alle haben gesagt: In Köln gibt es nichts mehr für Lesben, und im Karneval waren sie auch nicht repräsentiert“. Und wie immer, wenn es etwas noch nicht gibt, was es aus Karolins Sicht geben sollte, ergreift sie die Initiative. „Und heute strömen aus allen Städten des Landes die Menschen zu uns, weil sie diesen besonderen Geist und diese Gemeinschaft spüren“, sagt sie nicht ohne Stolz. „Es hat sich weiterentwickelt und ist groß geworden.“ Wie eigentlich alles, bei dem Karolin Balzar den ersten Schritt gewagt hat.
Karolin Balzar