Ich bin am 18.10.1960 als sechstes von sieben Kindern im beschaulichen Köln-Longerich als Hausgeburt geboren. Also eigentlich bin ich das 2. Kind meiner Mutter, denn ich bin in einer Patchwork Familie groß geworden. Sowohl mein Vater als auch meine Mutter waren vorher schon einmal verheiratet. Mein Vater hat 4 Kinder in die neue Ehe eingebracht und meine Mutter eins. Gemeinsam habe sie dann noch mich und meinen jüngeren Bruder bekommen.
Ich bin recht behütet aufgewachsen, und bei uns war immer viel los. Meine Mutter war Hausfrau und versorgte die Familie. Mein Vater arbeitete als Schriftsetzermeister und war darüber hinaus sehr aktiv in der Gemeinde, im Vorstand verschiedener Jugendvereine und war Präsident der Karnevalssitzung „Die verdötschten Bernhardiner“. Dadurch, dass ich schon in jungen Jahren die karnevalistischen Aktivitäten meines Vaters gerne begleitete, war ich schon früh vom Kölner Karneval begeistert.

Ich besuchte damals für ein Jahr die Hauptschule, weil das bei uns so üblich war. Dank einer Studentinnengruppe, die IQ-Testungen an unserer Schule durchführte, bin ich dann aber doch auf ein Mädchengymnasium, die Königin-Luise-Schule gewechselt.
Früh habe ich bemerkt, dass ich mich zu Mädchen hingezogen fühlte. Mit 14 Jahren verliebte ich mich über mehrere Jahre heimlich in eine Freundin. Diese Verliebtheit blieb aber leider unerwidert, so dass ich froh war, nach meiner Schulzeit ein Jahrespraktikum in Rheinland-Pfalz in einem Wohnheim für Menschen mit geistiger Behinderung zu machen. Dort habe ich dann endlich meine erste Freundin kennengelernt. Bis dahin dachte ich immer, ich sei alleine auf der Welt mit dieser Thematik, und für mich wäre eine Beziehung nicht vorgesehen. Aber überraschenderweise erwiderte sie meine Gefühle, und wir lebten -gegen den Willen meiner Eltern- dann doch über drei Jahre in einer Beziehung.
Etwa 1987 bin ich erstmalig in die Kölner Lesbenzene gegangen. Das war sehr aufregend, und in der ersten Bar traf ich gleich eine Frau, die ich kannte. Das fühlte sich sehr unangenehm an, bis ich begriff, dass diese Frau aus demselben Grund da war wie ich. Etwa drei Monate später wurde das neue SCHULZ (Schwulen- und Lesbenzentrum) in der Bismarkstr. Eröffnet, und da im Thekenteam noch Mitstreiterinnen gesucht wurden, war ich sofort dabei. So lernte ich nach und nach andere Lesben kennen und fasste zunehmend Fuß in der Szene. Ich lebte in zwei Welten: einerseits die berufliche und familiäre Welt, andererseits die Lesbenszene, wo ich an den Wochenenden immer mit meinen Freundinnen auf Partys unterwegs war. Endlich wuchs meine kleine Welt.

In dieser Zeit habe ich auch die Fachschule für Freizeitpädagogik in Vogelsang, das Johann-Michael-Seiler-Institut, besucht und begonnen, mich besonders für die Förderung von Jugendlichen zu interessieren. Nach einigen Jahren beim SKF, wo ich im sozialen Brennpunkt in Familienzentren mit Jugendlichen arbeitete, habe ich dann nochmal zur katholischen Fachhochschule zum Studium Dipl. Sozialpädagogik gewechselt.
Etwa 1990 gründete ich mit drei Freudinnen zusammen das Lesbenkabarett „Menströs“, mit dem wir in verschiedenen Städten in Deutschland auftraten.
Nach Menströs verwirklichte Ilka Tenne-Mathow die Frauenrockband „Hafensixxters“, wo ich einige Jahre die Frontsängerin war. Mit den Hafensixxters haben wir mutig eine Musikkassette mit fünf Songs an das Womens Michigans Music Festival geschickt und sind tatsächlich eingeladen worden. Auf ein Festival mit etwa 4000 Lesben aus USA und Übersee, wo auch schon K.D. Lang und Melissa Etheridge aufgetreten sind. Das war eine unglaublich beeindruckende Erfahrung!

Nach den Hafensixxters gründeten Ilka Tenne-Mathow, Karolin Balzer und ich die „Wilden Orchideen“, eine Lesbenschlagerband, in der wir deutsche Schlager mit lesbischen Texten versahen (z.B. „Thea, wir fahr’n ins SCHULZ“ oder „Sie gehört zu mir“).
In dieser Zeit habe ich das Sozialpädagogikstudium begonnen, und im „Sozialwerk für Lesben und Schwule“ (heute „Rubicon“) wurde für die lesbischen Mädchen eine neue Betreuerin gesucht. Ich war sofort Feuer und Flamme. Hier kam mein pädagogisches Interesse für die Arbeit mit Jugendlichen und mein eigenes lesbisches Leben zusammen. Schnell entstand die Idee, ein Jugendzentrum für lesbische und schwule Jugendliche zu gründen. Wir mussten erst einmal die Politik sehr aufwendig von der Notwendigkeit eines solchen Jugendzentrum überzeugen. Gemeinsam mit Thomas Haas eröffneten wir 1997 das bundesweit erste lesbisch-schwule Jugendzentrum, das „anyway“, in dem ich acht Jahre arbeitete.
Im Juli 1997 lernte ich auch meine heutige Frau kennen.
Da mich mein Bühnenherz nie losließ, habe ich gemeinsam mit Karolin Balzer die lesbische Karnevalssitzung „die SchittchenSitzung“ gegründet. Neben der beruflichen Erfüllung habe ich mit den Schnittchen als Präsidentin viele Jahre den lesbischen Karneval auf die Bühne gebracht. Die SchnittchenSitzung ist auch heute noch eine äußerst beliebte, erfolgreiche alternative Karnevalssitzung, weit über die Grenzen des lesbischen Lebens hinaus.
Jetzt freue ich mich daran, im Publikum zu sitzen und mir die Shows von dort anzusehen. Beruflich folge ich inzwischen neben der Betreuung von Menschen mit psychischer und/oder geistiger Einschränkung meiner Leidenschaft zu kochen. Ich habe ein kleines Cateringunternehmen und genieße diese sinnliche Herausforderung.
Seit 2007 besuchte ich mehrmals die Inseln von Hawaii. Der Hulatanz, die hawaiianische Tempelmassage Lomi Lomi und die gesamte hawaiianische Lebensphilosophie, die sich sehr spirituell und bodenständig präsentiert, haben mein Leben nachhaltig beeinflusst. Ich stehe nach wie vor im engen Kontakt mit meinen hawaiianischen Lehrerinnen und liebe ihre Art von Aloha- die Vermittlung von Liebe, Wertschätzung und Frieden!
Mein Lebensmotto: E komo mai – herzlich willkommen.
Imi Paulus