Helma Cardauns wuchs in Köln auf, wo sie 1931-1933 ein Volontariat bei der Kölnischen Volkszeitung machte und bis 1936 an der Universität Bonn ein Studium der Germanistik, Philosophie und Theologie anschloss. 1937 heiratete sie den Kunsthistoriker und Denkmalpfleger Albert Verbeek, dessen große Sensibilität durch die Zeitläufte gleichwohl zu Härte und Strenge gegenüber den Söhnen getrieben wurde. Der Ehe entsprossen fünf Söhne. Helma Cardauns war zeitlebens als Schriftstellerin und Lyrikerin tätig, deren Werk in zahlreichen Veröffentlichungen vorliegt.
Cardauns Bedeutung für Köln gründet insbesondere auf ihren autobiographischen Schriften „Riehler Straße 13. Aus einer Kölner Kindheit“(1985), „Eine Kölner Kindheit“ (1991), „Luftwurzeln“ (1993) und „Espenlaub und Lorbeerblatt“ (1996). Darin gelingt es ihr, die Veränderungen der Grundlagen im Leben der Menschen nach den beiden Weltkriegen hautnah darzustellen und so Verständnis für die nachfolgenden Generationen zu vermitteln. Die tiefgreifende Umwälzung und Verunsicherung im Leben des Bürgertums, dessen Angehörige sich nur schwer oder garnicht mit dem Verlust ihrer finanziellen und weltanschaulichen Verankerung abfinden konnten, wird am Beispiel ihrer eigenen Familie beschrieben.

Bildrechte: Egbert Verbeek

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Dies betrifft auch die historistische Architektur, die beim Haus Riehler Straße 13, das ihr Großvater, der bekannte Architekt Heinrich Krings, für sich und seine Familie baute, durch ihre Erzählung in ihrer ganzen Qualität und Üppigkeit sichtbar wird. Wir haben seit den 1970er Jahren diese lange verpönte Stilrichtung neu schätzen gelernt, vieles unter Denkmalschutz gestellt, aber natürlich das ehemalige Leben in diesen Räumen nicht darstellen können. Dafür sind wir auf Beschreibungen, wie die von Helma Cardauns angewiesen. Das Gebäude Riehler Straße 13 wurde im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt, abgebrochen und das Grundstück zusammen mit dem ebenfalls abgebrochenen Nachbarhaus als Riehler Straße 15 neu bebaut (die von manchen gemiedene 13 ist einfach weggelassen). Vor dem Haus wurde 2016 ein Stolperstein für den jüdischen Arzt Dr. Hans Erich Haas verlegt, der nach dem Ersten Weltkrieg als erster Kölner Psychoanalytiker im Haus der Familie Krings seine Praxis hatte und dort sehr freundschaftlich aufgenommen war. Bereits 1927 verließ er die Riehler Straße 13, erhielt 1933 Berufsverbot und emigrierte 1936 nach England.
Helma Cardauns heiratete 1937 in der Kölner romanischen Kirche St. Georg den jungen Kunsthistoriker Albert Verbeek, der diesem Bau seine 1932 abgeschlossene Dissertation gewidmet hatte und sich zeitlebens schwerpunktmäßig dem Thema der romanischen Architektur verpflichtete. In „Espenlaub und Lorbeerblatt (Ein Leben in Frieden und Krieg l937-1960)“ schilderte sie 1995 rückblickend die besondere Situation einer Familie mit schließlich fünf Söhnen und sehr eingehend dabei das Verhältnis des aus Krieg und Gefangenschaft heimkehrenden Ehemannes und Vaters. Das Thema des Traumas bei den Soldaten wurde ja erst Jahrzehnte später bemerkt und angesprochen.

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Zeitlebens hat Helma Cardauns neben allen familiären Pflichten, die selbstverständlich in ihrer Generation schwerpunktmäßig bei ihr lagen, das Schreiben von Gedichten, Dokumentationen, Romanen, Erzählungen verwirklicht und vieles veröffentlichen können. 1993 erhielt sie mit dem Kölner Literaturpreis für ihr Buch „Eine Kölner Kindheit“ eine erste öffentliche Anerkennung, 2002 wurde sie in Bonn im Haus der Geschichte geehrt.
Abschließend sei eines ihrer bewegenden Gedichte zitiert.
Mein Leib eine Muschel im Meer.
Im Blut den gelöschten Durst einer Herde,
im Herzen die Seligkeiten der Pflanzen,
lieg ich seit jeher am staubigen Tor der Dürre,
ein Erdschorf in der Entwöhnung,
ein Staubkorn und weniger noch,
willenlos ausgeliefert dem Wind.
Dann meine Freude ein Feuer,
das meinen nächsten Nachbarn,
den Tod verzehrt
wie ein Vogelschnabel
ein Klümpchen Fleisch.
Bibliographie Helma Cardauns
Jugend ohne Hoffnung (Wir die Nachkriegsjugend), Kölnische Volkszeitung 1932/1933;
Der Flügelschlag, Erzählung in: Anthologie Das Unzerstörbare Thomas-Verlag Kempen 1947
Die Lukasbrüder, Roman, Kempen (Thomas Verl.) 1947;
Wer ist ärmer als ein Kind, Roman, Köln (Bachem-Verl.) 1956;
Kleine Kinder, kleine Sorgen, Erzählungen, Köln (Bachem-Verl.) 1957;
Verbrannte Hecken, Erzählung Köln (Bachem-Verl.) 1958;
Joint, Fiktiver Briefwechsel, Wuppertal (Peter Hammer Verl.) 1971;
Sommerfest in der Winternacht, Kindertheaterstück, Weinheim/Bergstraße (Deutscher Theater Verl.) 1972;
Eisschollengang, Gedichte, Köln – Bonn (Peter Hanstein Verl.) 1973;
Die Galgenfrist, Jugendroman, Bonn (Edition Parnaß) 1980;
Die Orchideenzunge, Erzählung, Bonn (Edition Parnaß) 1980;
Das Haus und die Füchse, Erzählung, Bonn 1981;
Die Wenig-Marie und andere schlesische Geschichten, Köln (Stenone Verl.) 1982;
Riehler Straße 13, Roman, Köln 1985;
Eine Kölner Kindheit (1913–1929), Unkel – Bad Honnef (Horlemann) 1991;
Luftwurzeln, Unkel – Bad Honnef (Horlemann) 1993;
Espenlaub und Lorbeerblatt (1937–1960), Unkel – Bad Honnef (Horlemann) 1996;
Feuerspiele, 1999 (unveröffentlicht).
Posthum: Tauende Steine, Tagebuchgedichte aus dem Nachlass, Sondernummer zu Helma Cardauns in Dichtungsring Zeitschrift für Literatur, Heft 51 Dezember 2017 37. Jahrgang 109 S.
Prof. Dr. Hiltrud Kier, Stadtkonservatorin in Köln von 1978-1990