Vielleicht wäre die Puppenspielerin Fanny Meyer ganz in Vergessenheit geraten, hätte nicht Marina Barth in ihrem 2017 erschienenen biografischen Roman „Lumpenball“ den Lebensweg der Kölnerin nachgezeichnet. Das Ende allerdings bleibt offen, vermutlich wurde Fanny Meyer als „Halbjüdin“ 1943 in Auschwitz ermordet.

Nach Erscheinen des Buches reagierte auch das Kölner Hänneschen-Theater, Fanny Meyers früherer Arbeitgeber. Auf Initiative der Autorin Marina Barth widmete das Theater seiner ehemaligen Mitarbeiterin eine eigene Holzpuppe. Und der jüdische Karnevalsverein „Kölsche Kippa Köpp“ brachte 2024 seinen ersten Sessionsorden heraus, der ein Porträt von Fanny Meyer mit der von ihr gespielten Stabfigur Mariezebell zeigt.

Ausschnitt Ensemblefoto Hänneschen-Theater

Fanny Meyer war ein „echt kölsches Mädchen“, unkompliziert und lebenslustig. Gut vorstellbar, dass sie – wie in Marina Barths Roman „Lumpenball“ – begeistert Karneval gefeiert hat, was aber seit dem Ersten Weltkrieg erst nach Abzug der britischen Truppen 1926 erstmals wieder möglich war. Aber nähere Einzelheiten sind leider nicht bekannt.

Geboren am 7. Juni 1905 in Köln, wuchs sie im Viertel um den Griechenmarkt auf. Die Eltern führten eine sogenannte Mischehe – Mutter katholisch, Vater jüdisch – , doch die Religion spielte in der Familie eigentlich keine Rolle. Schon früh träumte Fanny von den sprichwörtlichen „Brettern, die die Welt bedeuten“. Nach dem Besuch der Schauspielschule bewarb sie sich 1929 als Puppenspielerin beim Kölner „Hänneschen-Theater“. Das 1802 gegründete Stockpuppentheater in der Altstadt befand sich lange in Familienbesitz, stand aber seit 1926 unter der Trägerschaft der Stadt Köln. Standort war damals noch das „Rubenshaus“ in der Sternengasse 10. Erst 1938 erfolgte der Umzug zum heutigen Standort am Eisenmarkt.

Fanny Meyer erhielt die Stelle als Puppenspielerin und fühlte sich an ihrem neuen Arbeitsplatz sehr wohl. Religion und soziale Herkunft spielten hier keine Rolle. Hauptsache, man beherrschte die „kölsche Sproch“, denn die Stücke spielen zwar bis heute in einem fiktiven Knollendorf, tatsächlich aber geht es um kölsche Kultur und Mentalität. Jahrelang spielte Fanny die Puppe der Großmutter Bestemo, auch Mariezebell Knoll genannt, die resolute Oma von Hänneschen.

Mit der heiteren Theater-Atmosphäre war es nach Machtübernahme der Nationalsozialisten vorbei. Jetzt verlor das Hänneschen-Theater seine Unschuld. Neben den üblichen volkstümlichen Stücken wurden zunehmend solche mit rassistisch-antisemitischem Hintergrund gezeigt. Fanny Meyer blieb keine andere Wahl, als sich anzupassen. Doch die Gestapo hatte sie bereits im Visier. In den Akten der Kulturverwaltung der Stadt Köln befindet sich eine Aktennotiz vom 29. März 1933: „Die Puppenspielerin Fanny Meyer ist Jüdin. Außer ihr ist niemand Jude und auch nicht mit einem Juden verheiratet.“

Ausschnitt Ensemblefoto Hänneschen-Theater

Diese Auskunft der Stadtverwaltung stand im Zusammenhang mit der Vorbereitung des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“, das am 7. April 1933 in Kraft trat. Es ermöglichte dem NS-Regime, neben politischen Gegnern auch Jüdinnen und Juden aus dem öffentlichen Dienst zu entlassen. Da blieb auch das „Hänneschen-Theater“ als städtische Einrichtung nicht verschont.

Noch war Fanny Meyer als „Halbjüdin“ durch ihre katholische Mutter geschützt, doch schon Ende 1935 wurde ihr aufgrund der neuen „Nürnberger Gesetze“ gekündigt. Diese Rassengesetze dienten dem Regime als Grundlage für Diskriminierung und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung.

Zum Glück stand Fanny Meyer (noch) nicht auf der Straße. Sie hatte sich nämlich inzwischen der von der Frauenrechtlerin Else Falk ins Leben gerufenen Organisation „Jüdische Kunstgemeinschaft“ angeschlossen. So bekam sie zumindest vorübergehend die Möglichkeit, für das 1936 gegründete Jüdische Marionettentheater zu arbeiten. Doch das Theater spielte viel zu wenig Geld ein, um die Beschäftigten auf Dauer halten zu können.

Orden der ‚Kölsche Kippa Köpp‘ für Fanny Meyer

Fanny Meyers Leben wurde zunehmend schwieriger, obwohl sie 1938 den Dekorateur Lothar Heineberg heiratete. Für die jüdische Bevölkerung verschärfte sich von nun an die Situation auf dramatische Weise. Anfang der 1940er Jahre musste Fanny Meyer vermutlich Zwangsarbeit in einer Kartonagenfabrik leisten, bevor sie 1942 zusammen mit ihrem ebenfalls jüdischen Ehemann ins „Judenlager“ Köln-Müngersdorf deportiert wurde. Damit verliert sich ihre Spur. Ein letztes Lebenszeichen war eine Postkarte, die sie im März 1943 aus dem Vernichtungslager Auschwitz an ihren Vater schrieb. Über ihr weiteres Schicksal kann nur spekuliert werden, doch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wurde sie wenig später im KZ ermordet. 1955 hat man sie offiziell für tot erklärt.

Heute erinnern zwei Stolpersteine an der Ecke Oversburgstraße/Follerstraße nahe der Severinsbrücke in der Kölner Südstadt an Fanny Meyer und ihren Ehemann.

Puppe mit dem Konterfei von Fanny Meyer als Mariezebell

Karin Feuerstein-Prasser

Quellen:

Material des Kölner Frauengeschichtsvereins

Stolperstein Ecke Oversburgstr./Follerstraße
Foto: Marina Barth