Dass eine Frau um 1800 alle bürgerlichen Konventionen über den Haufen warf und mit einem Mann in „wilder Ehe“ zusammenlebte, erforderte schon sehr viel Mut. Tatsächlich hatte sie eine – arrangierte – Ehe bereits hinter sich: „Seit drei Wochen bin ich endlich geschieden, von einer langen Sklaverei befreit“, schrieb sie Ende Januar 1799. „Diese innere Notwendigkeit hat mich bestimmt, diesen Schritt zu tun, der die öffentliche Meinung gegen sich hat.“ Zum Entsetzen von Familie und Freundeskreis lebte sie danach mit dem Schriftsteller Friedrich Schlegel mehrere Jahre lang ohne Trauschein zusammen, gleichsam als „Erfinderin“ der romantischen Ehe.

Anton Graff: Porträt von Brendel Veit,
geborene Mendelssohn (um 1790;
 Alte Nationalgalerie, Berlin)

Ihr Leben begann als Brendel Mendelssohn am 24. Oktober 1764 in Berlin. Sie war die Tochter von Moses Mendelssohn, jenes berühmten jüdischen Philosophen und Wegbereiters der sogenannten Halaska, die auf den Ideen der europäischen Aufklärung beruhte und sich für Toleranz und Gleichberechtigung der Jüdinnen und Juden aussprach.

Gleichwohl wurde Brendel traditionell erzogen und als 18-Jährige mit einem Mann verheiratet, den der Vater ausgesucht hatte: Simon Veit (1754-1819), ein wohlhabender Bankier. Glücklich wurde die Ehe nicht. Von den vier Kindern, die Brendel zur Welt brachte überlebten nur zwei, Jonas (1790-1854) und Philipp Veit (1793-1877), die beide später als Maler recht berühmt wurden.

Als Angehörige der aufgeklärten Berliner Oberschicht war Brendel Veit häufig zu Gast im Salon ihrer Freundin Henriette Hertz, Treffpunkt der gesellschaftlichen und intellektuellen Elite der Stadt. Hier lernte sie 1797 den acht Jahre jüngeren protestantischen Schriftsteller Friedrich Schlegel (1772-1829) kennen, in den sie sich auf Anhieb verliebte. Nicht lange, und die beiden wurden ein Paar. Schlegel verarbeitete ihre Beziehung in dem 1799 erschienenen Roman „Lucinde“, ein für damalige Verhältnisse ausgesprochen skandalöses Werk.

Brendel bat ihren Mann um Scheidung, was im Judentum durchaus möglich war. Nach anfänglichem Zögern stimmte Simon Veit tatsächlich zu, und die Ehe endete am 11. Januar 1799 vor dem Rabbinatsgericht. Veit überließ ihr sogar das Sorgerecht für ihren jüngeren Sohn Philipp, allerdings unter der Voraussetzung, dass sie nicht wieder heiratete, sich nicht taufen ließ und auch ihre Kinder nicht ermunterte, zum Christentum überzutreten. Zeit seines Lebens hat Simon Veit seine Ex-Frau und die beiden Söhne finanziell unterstützt.

Zum Zeichen des Neubeginns legte Brendel ihren jüdischen Vornamen ab und nannte sich künftig Dorothea. Das war in Preußen zwar noch nicht verpflichtend, doch nach und nach verlangten damals alle europäischen Länder, dass sich Jüdinnen und Juden landesübliche Namen zulegten. So sollte die Integration besser gelingen.

Zeichnung von Johann Eisenhardt, Briefwechsel, Dorothea v. Schlegel, geb. Mendelssohn, und deren Söhne Johannes und Philipp Veit, … im Auftrage der Familie Veit hrsg. von J. M. Raich, Mainz 1881.

Dorothea folgte Friedrich Schlegel nun nach Jena, wo sie nicht nur in „wilder Ehe“ zusammenlebten, sondern auch mit Schlegels Bruder August Wilhelm und dessen Frau Caroline eine Lebens- und Arbeitsgemeinschaft bildeten. Jena war damals das Zentrum der literarischen Aufklärung und inspirierte Dorothea, selbst einen Roman zu schreiben, ein Werk der Frühromantik: „Florentin“, der 1801 anonym unter der Herausgeberschaft Friedrich Schlegels erschien. Bei dem Titelhelden handelt es sich um einen aristokratischen Vagabunden aus Italien, der auf der Suche nach Freundschaft, Liebe und Heimat in der Welt herumreist. Doch es blieb ihr einziger Roman. Vielleicht spürte Dorothea, dass schreibende Frauen damals nicht unbedingt akzeptiert wurden. Andererseits aber legte sie auch keinen Wert darauf, bekannt zu werden. So fortschrittlich ihr Zusammenleben mit Friedrich Schlegel auch sein mochte, tatsächlich hatte sie hinsichtlich des Verhältnisses von Mann und Frau eher konventionelle Vorstellungen. Sie verstand sich gleichsam als „Assistentin“ ihres Lebensgefährten, schrieb hin und wieder etwas unter seinem Namen oder fertigte Übersetzungen an, um die klamme Haushaltskasse ein wenig aufzubessern.  In den von Schlegel herausgegebenen Zeitschriften erschienen zudem literaturkritische Arbeiten von ihr. Ansonsten genügte es Dorothea offenbar vollkommen, „Friedrich sein Geselle“ zu sein.

Im Jahr darauf zog das Paar nach Paris, wo es den Entschluss fasste, doch noch zu heiraten. Friedrich zuliebe trat Dorothea zum protestantischen Glauben über und ging mit ihm am 6. März 1804 vor den Traualtar. Kurz danach zogen beide mit dem Sohn Philipp nach Köln, das seit 1794 von den Franzosen besetzt war. Man lebte in der Kasinostraße 4 mit Blick auf die romanische Kirche St. Maria im Kapitol. An Friedrich Schlegel erinnert heute eine Gedenktafel an der Hausfassade.

Verlag: Henricus – Edition Deutsche Klassik GmbH

Glücklich wurde Dorothea in Köln nicht. Das Geld war knapp und ihr Mann viel auf Reisen: „Hier bin ich allein, kenne keinen Menschen, an den ich mich wenden, dem ich meine Verlegenheit offenbaren dürfte“, gestand sie unglücklich. Auch Köln selbst sagte ihr nicht zu, die „ungeselligste Stadt unter allen Städten der Welt“, wie sie einer Freundin schreib. Schmerzlich vermisste sie das gesellschaftliche und literarische Leben der Salons, das sie stets so geliebt hatte.

Aber in Köln war man hauptsächlich mit den vielfachen politischen Umbrüchen beschäftigt, vor allem der Säkularisation, die die Macht der Kirchen begrenzte. Und doch wurde Dorothea Schlegel im „hillijen Köln“ vom katholischen Glauben angezogen. Der eher nüchterne Protestantismus bot ihr in dieser schwierigen Zeit offenbar keine Stütze. Nachdem sie die „Kraft und Wunder des Gebets“ kennengelernt hatte, begann sie, die katholische Liturgie und Frömmigkeit zu lieben, fand darin Trost und Stärkung, fühlte sich zugehörig und geborgen. Gemeinsam mit ihrem Mann konvertierte Dorothea Schlegel am 16. April 1808 im Kölner Dom zum Katholizismus und „warb“ auch in ihrem Umfeld für den „einzig wahren Glauben“. Folge war, dass sich ihre beiden Söhne 1810 ebenfalls katholisch taufen ließen.

Noch 1808 zog das Ehepaar nach Wien, wo der frisch gebackene Katholik Friedrich Schlegel in den Staatsdienst eintrat und politische Karriere machte. Als Diplomat beim Bundestag des Deutschen Bundes übersiedelte er 1816 mit seiner Frau nach Frankfurt am Main. Ihr nächster Wohnsitz wurde 1818 Rom, denn hier wohnten Dorotheas Söhne, die sich als Maler der Stilrichtung der Nazarener verschrieben hatten.

Nach dem Tod ihres Mannes 1829 kehrte Dorothea Schlegel zurück nach Frankfurt, weil ihr Sohn Philipp hier eine Anstellung als Direktor des Städelschen Kunstinstituts erhielt. Dort starb sie am 3. August 1839 im Alter von 72 Jahren. Noch heute befindet sich ihr Grab auf dem Frankfurter Hauptfriedhof.

Zeichnung von Franz Brentano, private Sammlung
Dorothea Schlegel, umgeben von ihren Enkeln, ihrem Sohn, dem Maler Philipp Veit und seiner Frau Carolina
 

Karin Feuerstein-Prasser

Quellen:

Material des Kölner Frauengeschichtsvereins und

Carola Stern, „Ich möchte mir Flügel wünschen“. Das Leben der Dorothea Schlegel, Rowohlt TB 1993