„In dieser Nacht wurde ihr Kampf wieder schlimmer, denn es erschienen 26 Dämonen, um sie zu bestrafen. Darunter waren auch zwei Dämonen in Gestalt von Dominikanerbrüdern, die sie mit verschiedenen Vorstellungen und gehässigen Ratschlägen entmutigten und sie zu einem falschen Leben verlocken wollten…“. Dieser Auszug aus dem Codex Iuliacensis (benannt nach der Stadt Jülich) beschreibt die körperlichen und seelischen Qualen, denen Christina von Stommeln offenbar ein Leben lang ausgesetzt war. Im Mittelalter galt sie deshalb vielen als verehrungswürdige Heilige. Heute würde man ihre Symptome vermutlich mit epileptischen Anfällen und Psychosen erklären. 1908 wurde sie durch Papst Pius X. seliggesprochen.

Imaginäres Portrait der Christina von Stommeln***

Die mittelalterliche Quelle Codex Iuliacensis ist natürlich keine realistische Lebensbeschreibung der Christina von Stommeln. Tatsächlich sind die biografischen Angaben zu ihrer Person eher spärlich gesät. Geboren wurde sie 1242 – wie der Beiname schon sagt – in Stommeln (heute Pulheim bei Köln). Ihre Eltern, Heinrich und Hilla Bruso, besaßen einen gutgehenden Bauernhof und lebten in bescheidenem Wohlstand. Christina wuchs zusammen mit zwei Brüdern und Schwestern auf.

Über ihre frühe Kindheit ist nichts weiter bekannt. Fiel sie schon damals durch exzentrisches Verhalten auf? Wir wissen es nicht. Im Alter von zehn Jahren soll ihr in einer Vision Jesus Christus erschienen sein und sie aufgefordert haben, ihm sein Leben zu widmen. Eigentlich hätte sie dazu in ein Kloster eintreten müssen, doch dazu ist es nicht gekommen. Vielleicht waren die Eltern nicht bereit, die erforderliche Mitgift zur Verfügung zu stellen. Doch es gab damals eine Alternative für fromme Frauen, die ein gottgefälliges Leben führen wollten – wenn auch ohne Regel und ewiges Gelübde: die Beginen. Diese Bewegung hatte sich von den Niederlanden auch ins Rheinland ausgebreitet. In Köln gab es seit 1230 das erste Beginenhaus in deutschen Landen in der heutigen Stolkgasse, gegründet von Sela Jude. Mit 13 Jahren verließ Christina ihr Elternhaus, um in diesen Beginenkonvent einzutreten.

Die Beginen verdienten sich ihren Lebensunterhalt selbst, beispielsweise durch Spinnen, Textilherstellung, seltener auch durch Krankenpflege. Wie die Nonnen führten auch sie ein Leben in Keuschheit und Armut.

Auch Christina blieb dort nur kurze Zeit. Ihr ausgefallenes Verhalten dürfte der Grund gewesen sein, dass die anderen Schwestern sie nicht bei sich behalten wollten. So wird zum Beispiel berichtet, dass sie in der Dominikanerkirche bei der Betrachtung eines Christusbildes in einen langanhaltenden Zustand völliger Starre gefallen sein soll.

Grabmal in Stommeln von 1896*
Christina triumphiert über den
Drachen des Teufels
Photo: M.Jeiter

Christina kehrte 1259 17jährig in ihr Elternhaus zurückkehren, bevor sie 1262 Aufnahme bei den Stommeler Beginen fand. Auch dort lebte sie nur drei Jahre. Danach wohnte sie wieder auf dem elterlichen Hof, später im Haushalt des Stommeler Pfarrers, der mit ihrer exaltierten Frömmigkeit vielleicht besser umgehen konnte. Immer wieder hatte Christina religiöse Entrückungszustände, abertausende von Teufeln und Dämonen sollen sie ständig gequält haben und schließlich hieß es sogar, sie habe an ihrem Körper die Wundmale Christi getragen.

Vermutlich wäre Christina von Stommeln längst in Vergessenheit geraten, wäre sie nicht 1267 im Pfarrhaus dem schwedischen Mönch Petrus von Dacien (um 1235-1289) begegnet, der in ihr eine Mystikerin und verehrungswürdige Heilige sah. Petrus stammte aus Gotland und war nach Köln gekommen, u. a. der 1248 eingerichteten ersten Hochschule des Dominikanerordens zu studieren. Petrus von Dacien scheint ein ehrgeiziger junger Mann gewesen zu sein. Offenbar sollte die Mystikerin ihm Kraft und Stärke für seine künftige Karriere verleihen. Für die nächsten drei Jahre sind 12 weitere Besuche belegt. So entstand zwischen ihm und Christina von Stommeln eine intensive Bindung. Offenbar sollte ihm die Mystikerin, die er in ihr sah, Kraft und Stärke in Bezug auf seine künftige Karriere verleihen.

Nachdem Petrus Köln verlassen hatte, unterhielt er mit Christina eine rege Korrespondenz in lateinischer Sprache. Weil die junge Frau kein Latein konnte, ließ sie sich die Briefe von Klerikern aus der Umgebung übersetzen und diktierte ihnen die entsprechenden Antworten.

Aus diesen Briefen lässt sich die Lebensgeschichte der Christina von Stommeln zusammensetzen, auch wenn es sich im Endeffekt nur um Versatzstücke einer im 13. Jahrhundert gängigen Heiligenvita handelt. Christina selbst hat nichts Schriftliches hinterlassen. Der Briefwechsel gehört zur Sammlung des Codex Iuliacensis, der sich heute im Aachener Diözesanarchiv befindet.

Die Verbindung zu Petrus von Dacien blieb bis zu dessen Tod 1289 bestehen. Er bemühte sich wiederholt, Christina in schwierigen Situationen zu unterstützen. 1278 brannte das Wohnhaus der Familie Bruso nieder, wenig später starb der Vater, vermutlich auch die Mutter. Christina und ihre Geschwister schafften es nicht, die elterliche Landwirtschaft zu erhalten. 1281 sahen sie sich gezwungen, den Bauernhof aufzugeben.

Skulptur Nordportal Kölner Dom**

Damals machte Petrus von Dacien den Geschwistern das Angebot, nach Schweden zu ziehen. Christina, die dort ein Leben als Nonne oder Begine hätte führen können, weigerte sich jedoch. Hingegen nahm ihr Bruder Sigwin das Angebot an und trat in den Dominikanerorden ein.

Unklar ist, wie Christina von Stommeln jetzt ihren Lebensunterhalt bestritt. Gab es Wohltäter, die für sie sorgten? So muss es wohl gewesen sein. Mit Petrus´ Tod brechen die schriftlichen Quellen über ihr Leben ab. Fest steht lediglich, dass sie am 6. November 1312 mit immerhin 70 Jahren gestorben ist.

Sie wurde auf dem Kirchhof von Stommeln beigesetzt, und es heißt, dass sich an ihrem Grab immer wieder Wunder ereignet hätten. 1342 hat man ihre sterblichen Überreste in die Stiftskirche der jülischen Residenz Nideggen umgebettet. Es entwickelte sich ein regional beschränkter Heiligenkult. Offiziell wurde Christina von Stommeln nie heilig-, jedoch1908 durch Papst Pius X. seliggesprochen.

Seit 1592 ruhen ihre Gebeine in der Probsteikirche St. Maria Himmelfahrt in Jülich.

Zum 700. Todestag gab es ein gemeinsames Forschungs- und Ausstellungsprojekt „Gottesschau und Gottesliebe“ der Grabeskirche und des Museums Zitadelle Jülich. Forensische Untersuchungen bestätigten damals die Identität der Seligen.

Karin Feuerstein-Prasser

Quelle Bildmaterial

*Abb. 11: Grabmal in Stommeln von 1896, Photo M. Jeiter, Achen 1975, aus dem Buch von Peter Nieveler: Christina von Stommeln, Petrus von Dacien, Kühlen Verlag Mönchengladbach 1975

** Abb. 8: Skulptur Nordfassade: aus dem Buch von Peter Nieveler: Christina von Stommeln, Petrus von Dacien, Kühlen Verlag Mönchengladbach 1975

*** Abb. 4 Imaginäres Portrait der Christina von Stommeln aus: Günter Bers, Die Verehrung der seligen Christina von Stommeln in Jülich, vom 16.-20 Jahrhundert, Jülich 1986, Verlag des Jülicher Geschichtsvereins

Archivalien und Literatur:

Büren, Guido von; Richter, Susanne; Perse, Marcell (Hg.): Katalog zur Ausstellung „Gottesschau und Gottesliebe. Die Mystikerin Christina von Stommeln 1242–1312“, Schnell & Steiner Verlag, Regensburg 2012.

Der Briefwechsel zwischen Christina Bruso und Petrus von Dacien ist Teil der Sammlung Codex Iuliacensis und befindet sich heute im Aachener Diözesanarchiv.

Nieveler, Peter: Christina von Stommeln, Petrus von Dacien, Kühlen Verlag, Mönchengladbach 1975.

Ruhrberg, Christine: Christina von Stommeln. Eine Frau lebt so lange, wie ein Mann sie betrachtet, in: Köln der Frauen. Ein Stadtwanderungs- und Lesebuch, Volksblatt-Verlag, Köln 1992, S. 75-86.

Ruhrberg, Christine: Der literarische Körper der Heiligen. Leben und Viten der Christina von Stommeln (1242–1312). Tübingen 1995 (=Bibliotheca Germanica 35).