Wenngleich sie aus dem Kölner Großbürgertum stammte, nannten ihre Freunde Sibylle Mertens-Schaaffhausen voller Bewunderung die „Rheingräfin“. Sie war hochgebildet, vielseitig interessiert, musikalisch begabt und von Jugend an eine begeisterte Anhängerin der Archäologie. Trotzdem musste sie nach dem Willen ihres Vaters einen wesentlich älteren Mann heiraten. Die Ehe mit dem Weinhändler Louis Mertens, aus der sechs Kinder hervorgingen, gestaltete sich von Anfang an unglücklich. Das lag nicht zuletzt daran, dass Sibylle in sexueller Hinsicht das weibliche Geschlecht bevorzugte und vermutlich nur in der Beziehung zu Frauen wirkliche Erfüllung fand. Eine Scheidung jedoch kam zur damaligen Zeit nicht infrage, aber vielleicht hat sie das auch gar nicht gewollt, um den unvermeidbaren gesellschaftlichen Abstieg zu vermeiden.

Portrait Kunstmuseum Bonn -gemeinfrei

Die Tochter des wohlhabenden Bankiers Abraham Schaaffhausen (1756-1824) kam am 29. Januar 1797 in Köln zur Welt. Nachdem Anna, ihre Mutter, bei der Geburt verstorben war, heiratete der Vater 1800 ein weiteres Mal, und Sibylle bekam noch fünf Halbgeschwister. Weil sie zu ihrer Stiefmutter nie wirklichen Zugang fand, schloss sie sich eng an den Vater an und teilte schon früh dessen vielseitige Interessen, vor allem die Begeisterung für Archäologie. Die Leidenschaft an den „Altertümern“ war damals weit verbreitet. Sie wurde geweckt, als der in Rom lebende Deutsche Johann Joachim Winckelmann (1717-1768) zum Golf von Neapel aufbrach und über die erst kürzlich entdeckten Überreste von Pompeji und Herculaneum in seinem 1764 veröffentlichten Buch „Geschichte der Kunst des Altertums“ berichtete. Aber auch der Kölner Sammler und Universalgelehrte Franz Ferdinand Wallraf, ein guter Freund von Vater Schaaffhausen, vermittelte dem jungen Mädchen wichtige Kenntnisse zur Archäologie, die sich erst allmählich zu einer systematischen Wissenschaft entwickelte. Schon in jungen Jahren begann Sibylle Münzen zu sammeln, wurde später zu einer Spezialistin für Numismatik und besaß schließlich eine der größten Münzsammlungen Deutschlands.

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Es stand außer Frage, dass Sibylle als „höhere Tochter“ keine andere Wahl hatte als zu heiraten. So arrangierte der Vater 1816 die Ehe mit dem Weinhändler Louis Mertens (1782-1842), der daraufhin in sein Bankhaus eintrat. In den nächsten elf Jahren kamen sechs Kinder zur Welt, doch ihr Ehemann blieb Sibylle stets fremd. Der gediegene Wohlstand der Familie ermöglichte es den Eheleuten allerdings, zeitweise getrennt zu leben. Neben der Wohnung im Herzen von Köln gab es noch zwei weitere Wohnsitze, den „Zehnthof“ in Unkel südlich des Siebengebirges und nach dem Tod des Vaters 1824 auch den Auerhof bei Bonn. Hierhin konnte sich Sibylle mit den Kindern zumindest in den Sommermonaten zurückziehen.

Sibylle Mertens-Schaafhausen zog die Gesellschaft kluger Frauen der ihres sachlich-nüchternen Ehemanns entschieden vor. Sie war mit der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848) befreundet und unterhielt eine längere Liebesbeziehung zu Adele Schopenhauer, die sie 1828 kennenlernte. Die Tochter der Schriftstellerin Johanna und Schwester des Philosophen Artur teilte auch ihr großes Interesse an Kunst, Kultur und Wissenschaft.

Inzwischen hatte Louis Mertens seine führende Position im Bankhaus Schaaffhausen verloren und sich neuen Aufgaben gewidmet. Er bewirtschaftete die Länder um den Auerhof und stieg wieder in den Weinhandel ein. Der Kölner Wohnsitz wurde aufgegeben, stattdessen bezog die Familie 1834 eine stattliche Villa in der Bonner Wilhelmstraße. Sibylle machte aus ihrem Haus einen Salon. Hier empfing das Ehepaar zahlreiche interessante Gäste, Künstler, Kunstsammler, Freunde der Archäologie und Professoren der 1818 gegründeten Universität Bonn. Sibylle Mertens-Schaaffhausen, selbst eine begabte Musikerin, verkehrte aber auch mit bekannten Komponisten ihrer Zeit und unterstützte das Niederrheinische Musikfest, das seit 1818 jährlich zu Pfingsten in verschiedenen Städten stattfand. Und wenngleich sie ihrer Heimatstadt den Rücken gekehrt hatte, blieb sie Köln eng verbunden und gehörte 1842 zu den Mitbegründerinnen des Dombauvereins, der sich für die Vollendung der gotischen Kathedrale einsetzte.

Salon, Gemälde Kunstmuseum Bonn -gemeinfrei

Weil Sibylle Mertens-Schaaffhausen unter immer wiederkehrenden Migräneattacken litt, empfahlen die Ärzte einen längeren Aufenthalt im sonnigen Süden. Begleitet von ihren drei jüngsten Kindern brach sie im Juni 1835 nach Genua auf. Dort bezog sie eine großzügige Villa mit wunderbarem Blick auf das Meer. Doch Sibylle hatte sich nicht nur auf Anhieb in Italien verliebt, sondern auch in eine junge Frau, die in der Nachbarschaft lebte: die Marchesa Laurina Spinola, deren frühen Tod mit nur 32 Jahren sie nie wirklich verkraften konnte.

Ein Jahr dauerte die glückliche Zeit, dann musste Sibylle zu ihrem Ehemann nach Bonn zurückkehren. Jetzt suchte auch Adele Schopenhauer wieder engeren Kontakt zu ihrer alten Freundin. Sie war zu diesem Zeitpunkt bereits schwerkrank und brauchte dringend einen Menschen an ihrer Seite, auf den sie sich verlassen konnte.

Im August 1842 starb Louis Mertens, und Sibylle wurde mit 45 Jahren Witwe. Zwar hielt sich ihre Trauer in Grenzen, doch jetzt waren es die älteren Kinder, die ihr das Leben schwermachten. Sie verlangten ihren Anteil am Erbe, und so war Sibylle gezwungen, sich nach und nach von all ihren Besitztümern zu trennen, Immobilien und Kunstschätze zu verkaufen. Nachdem sie auch ihren letzten Wohnsitz in der Bonner Wilhelmstraße veräußert hatte, hielt sie nichts mehr in Deutschland. Mit dem letzten Geld zog sie 1856 nach Rom, wo sie am 22. Oktober 1857 gestorben ist. Ihr Grab auf dem Friedhof Campo santo teutonico erinnert noch heute an die ambitionierte „Rheingräfin“, eine der interessantesten Frauen ihrer Zeit.

Sibylle Mertens-Schaaffhausens Sammlungen, darunter eine umfassende Bibliothek, die reiche Antikensammlung, rund 6000 Münzen, Gläser, Elfenbeinobjekte und Tongefäße wurden nach ihrem Tod versteigert. Heute ist alles, was sie mit solch großer Leidenschaft zusammengetragen hat, in alle Winde verstreut.

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Karin Feuerstein-Prasser

Quellen:

Angela Steidele, Geschichte einer Liebe. Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens, Berlin/Frankfurt 2010

Fabbri, Francesca, Sibylle Mertens-Schaaffhausen, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/sibylle-mertens-schaaffhausen/DE-2086/lido/65e706849c1845.63339519 (abgerufen am 14.09.2025)

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