Zusammen mit Annemarie Rübens, Elisabeth von Aschoff und Änne Schümer gehörte Ina Gschlössl zu den jungen evangelischen Theologinnen, die in den 1920er Jahren als „die vier Vikarinnen“ bekannt wurden. Gemeinsam mit dem Kölner Pfarrer Georg Fritze kämpften sie für die Gleichberechtigung der Frauen im Pfarramt – vergeblich. Es dauerte noch Jahrzehnte, bis Frauen Pastorinnen werden konnten. Doch ihr Engagement blieb unvergessen: Seit 2005 heißt der Durchgang an der Kölner Antoniterkirche Ina-Gschlössl-Weg.


Foto: Siegfried Hermle Erftstadt
Ihr „richtiger“ Vorname war eigentlich Nikolaine, doch sie wurde von allen nur Ina genannt. Geboren am 13. Dezember 1898 in Köln, begann sie nach der Schule ein Studium der Fächer Geschichte und Religion. Doch anstatt Lehrerin zu werden, wie ursprünglich geplant, entschied sie sich, einen seelsorgerischen Beruf zu ergreifen. Obwohl das evangelische Pfarramt ausschließlich Männern vorbehalten war, begann sie 1924 als eine der ersten Frauen in Marburg, Theologie zu studieren. Nur ein Jahr später gehörte sie zu den Mitbegründerinnen des „Verbandes evangelischer Theologinnen“, um für das uneingeschränkte Pfarramt für Frauen zu kämpfen. Weil sie jedoch die nötige Unterstützung vermisste, trat sie nur wenig später aus dem Verband aus und gründete 1925 mit Annemarie Rübens, Elisabeth von Aschoff und Anne Schümer die „Vereinigung evangelischer Theologinnen“, die die Forderung nach Gleichberechtigung mit Nachdruck vertrat.
Nachdem Ina Geschlössl im Februar 1927 ihr Examen bestanden hatte, bemühte sie sich um eine Anstellung. Seit diesem Jahr erlaubte ein Gesetz der evangelischen Landeskirche in Preußen, dass Frauen Vikarinnen werden konnten. Faktisch bedeutete das jedoch nichts weiter als eine Gehilfinnentätigkeit unter der Verantwortung des leitenden Theologen. Von den eigentlichen Funktionen eines männlichen Pfarrers wie Gemeindegottesdienst und anderen Amtshandlungen wie Taufe, Trauung und Beerdigung blieben sie ausgeschlossen. Heiratete eine Vikarin, so musste sie ihren Dienst quittieren.
Doch Ina Gschlössl und ihre drei Mitkämpferinnen hatten das Glück, ihr Vikariat bei dem Kölner Pfarrer Georg Fritze (1874-1939) an der Trinitatiskirche absolvieren zu können. Fritze, der aufgrund seiner SPD-Mitgliedschaft als „roter Pfarrer“ bekannt geworden war, unterstützte die Ordination von Frauen und war seinen „vier Vikarinnen“ ein engagierter Mentor.
Auf Druck der Kirchenoberen musste Ina Gschlössl ihr Vikariat jedoch nach wenigen Monaten abbrechen und wurde im November 1927 an die Berufsschule versetzt, kam also in den Dienst der Stadt Köln. Schon bald ergaben sich mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten für sie als kritische Theologin neue Prioritäten. 1932 verurteilte sie in einem Aufsatz die NS-Ideologie: „Mit welch entsetzlichem unmenschlichen Fanatismus wird der Judenhass den Menschen beigebracht, man denke nur an Hitlers Buch, das in der Beziehung fast unüberbietbar sein dürfte, an die Parteiversammlungen, auf denen in unglaublicher Weise gehetzt und gedroht wird…“ Noch konnte sie solchen kritischen Zeilen schreiben, doch nur ein Jahr später hatten sich die Nationalsozialisten an die Schalthebel der Macht herangearbeitet. Ina Gschlössl aber nahm auch weiterhin kein Blatt vor den Mund und kritisierte im Religionsunterricht die antisemitische Propaganda des Regimes. Das blieb nicht ohne Folgen. Nachdem irgendjemand sie denunziert hatte, wurde sie aus dem Schuldienst entlassen. Begründung: Sie habe am 3. Juli 1933 „in einer Religionsstunde ungeziemende Bemerkungen über den Herrn Reichskanzler und andere Staatsmänner gemacht und sich über die Judenfrage in einer Art und Weise ausgelassen, die jedes Verständnis für den nationalen Standpunkt vermissen lässt.“

Von Seiten der evangelischen Kirche erhielt Ina Gschlössl keine Unterstützung, im Gegenteil. 1932 war in Berlin die Kirchenpartei „Deutsche Christen“ gegründet worden, deren Programm sich wie ein Ableger der NSDAP las: Führerprinzip auch in der Kirche, Ausschluss aller Juden und „Reinerhaltung der germanischen Rasse“. Die Kirchenwahlen 1933 brachten den Deutschen Christen im ganzen Reich und so auch in Köln einen überwältigenden Sieg. Kirchengebäude wurden mit der Hakenkreuzfahne beflaggt, viele evangelische Pfarrer zeigten den Hitlergruß.
Eine der wenigen Ausnahmen war der „rote Pfarrer“ Georg Fritze, inzwischen an der Karthäuserkirche tätig. Er war Mitglied der oppositionellen Bekennenden Kirche, sie sich jedoch in einer Minderheit befand. In seinen Predigten sprach er sich ausdrücklich gegen die neuen Machthaber aus.
Gerne hätte Ina Gschlössl ihr Vikariat bei Georg Fritze fortgesetzt, doch das von den Deutschen Christen dominierte Presbyterium lehnte ihre Anstellung entschieden ab. Jetzt war die junge Theologin arbeitslos. Eine Zeitlang betreute sie heimlich das behinderte Kind eines jüdischen Arztehepaares und sicherte sich so einen bescheidenen Lebensunterhalt. Erst 1938 konnte Hans Encke, Pfarrer in Köln-Riehl und ebenfalls engagiert in der Bekennenden Kirche, Ina Gschlössl als Fürsorgerin einstellen. In dieser Funktion war sie für Vormundschaften und Pflegschaften verantwortlich und betreute weibliche Strafgefangene.
Hans Encke hielt auch weiter seine schützende Hand über sie. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs beauftragte er – seit 1946 Superintendent – Ina Gschlössl mit der Organisation des Schulunterrichts an berufsbildenden Schulen. Es war eine große Herausforderung, denn im zerbombten Köln gab es zunächst weder Klassenräume noch ausreichend ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer, weder Lehrpläne noch Arbeitsmaterial. Doch sie erfüllte ihre schwierige Aufgabe mit Bravour. Anerkennend schrieb Pfarrer Encke: „Fräulein Gschlössl hatte wesentlichen Anteil beim Aufbau unserer Arbeit, wobei ihr die klare kirchliche und politische Stellung, die sie in früheren Jahren angenommen hatte, sehr zur Hilfe kam.“
Ina Gschlössl leitete den Religionsunterricht an den Kölner Berufsschulen bis zu ihrer Pensionierung 1966. Dass damals seit drei Jahren auch Frauen Pastorinnen werden konnten, kam für sie zu spät. Ihre letzten Lebensjahre verbrachte sie bei einer Nichte in Neusäß bei Augsburg, wo sie 20. Januar 1989 mit 90 Jahren gestorben ist.
Karin Feuerstein-Prasser
Quelle:
Ina Gschlössl – Wikipedia abgerufen 15.11.2025
Ina Gschlössl im Online-Portal Rheinische Geschichte: Anselm Weyer, Ina Gschlössl. Der Traum vom Pfarramt, Köln 2010
Schmidt, Klaus, Ina Gschlössl, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/ina-gschloessl/DE-2086/lido/57c6d904477419.52214602 (abgerufen am 15.11.2025)
* Widerstand!? Evangelische Christinnen und Christen im Nationalsozialismus