Betrachtet man die alten Fotos von Grete Fluss, dann könnte man sie leicht mit Trude Herr verwechseln: das gleiche dunkle Haar, die gleiche füllige Figur und die mitunter etwas schrillen Kostüme. Ein Beweis dafür, dass auch sie kein Problem damit hatte, sich als schräge „Ulknudel“ zu stilisieren. Tatsächlich hat es den Anschein, als habe Grete Fluss für Trude Herr zumindest zu Beginn ihrer Karriere starken Vorbildcharakter gehabt, eine Frau, die sich schon früh in der Männerdomäne Karneval durchsetzen konnte und als Komikerin, Sängerin und Schauspielerin reüssierte. Gemeinsam war beiden Frauen auch ihre starke Ausstrahlungskraft und Bühnenpräsenz.
Leider ist Grete Fluss heute völlig in Vergessenheit geraten.
Wie Trude Herr kam auch Grete Fluss aus eher „einfachen Verhältnissen“. Die Tochter des Kohlenhändlers Anton Fluss und seiner Frau Ursula wurde am 6. Januar 1892 als neuntes von 14 Kindern in Köln geboren. Aufgewachsen ist sie in dem legendären Veedel „Unter Krahnenbäumen“, das sich bis zum Zweiten Weltkrieg durch pulsierendes Leben und ein enges nachbarschaftliches Miteinander ausgezeichnet hat. Der Bau der Nord-Süd-Fahrt seit den 1950er Jahren zerriss die Straße in zwei Teile und nahm ihr ihren ursprünglichen Charakter.
Das musikalische Talent dürfte Grete vom Vater geerbt haben, denn der saß – sicher auch, um die Haushaltskasse aufzubessern – regelmäßig bei Volksfesten am Klavier. Die Söhne Willi und Anton wurden später ebenfalls als Pianisten bekannt.

Auch die junge Grete zog es auf die Bühne, und es ist anzunehmen, dass ihr der Vater die nötigen Kontakte verschaffte. Nachdem sie schon als 14-Jährige bei einer Karnevalsveranstaltung als Sängerin aufgetreten war, beschloss sie nach dem Ende der Volksschule, die künstlerische Laufbahn einzuschlagen. Sie hatte Glück, 1907 wurde sie Mitglied eines Ensembles unter der Leitung von Heinrich Körfgen, der wie Grete Fluss die leichte Muse bevorzugte. Musikalische Schwerpunkte waren Schlager und Operette und meist erfolgten die Auftritte im Kölner „Kolosseum“ in der Schildergasse 99-101, das bis 1924 existierte. Es handelte sich um ein großes Veranstaltungsgebäude mit angeschlossenem Café, Restaurant sowie einem Festsaal für musikalische Darbietungen.

Es dauerte nicht lange, bis die Karnevalisten auf die junge Grete Fluss aufmerksam wurden. Ab 1910 wurde sie zur festen Größe im männerdominierten Kölner Karneval und überzeugte mit Humor und Improvisationstalent als erste Frau in der „Bütt“.
Doch der Ausbruch des Ersten Weltkriegs setzte dem Karnevalstreiben ein Ende. Nachdem es zunächst kriegsbedingt keine Veranstaltungen mehr gegeben hatte, verhängten die Briten, nachdem sie am 6. Dezember 1918 Köln besetzt hatten, mit Hinweis auf den „Ernst der Lage“ ein weiteres Karnevalsverbot, das in den kommenden Jahren immer wieder verlängert wurde. Das änderte sich erst, als die Briten 1926 schließlich abzogen.
Doch Grete Fluss konnte auch weiterhin auftreten. Als Ersatz für die verbotenen Karnevalssitzungen wurden jetzt sogenannte Revuen veranstaltet, in denen sie ab 1917 als Komödiantin und Sängerin regelmäßig mitwirkte. Bald war ihr Name auch weit über Köln hinaus bekannt. Als die Karnevalssitzungen wieder erlaubt waren, unternahm sie außerhalb der Session umfangreiche Deutschlandtourneen, vor allem Gastspiele in Berlin. Ende der Zwanziger Jahre avancierte Grete Fluss zu einer der deutschlandweit populärsten Künstlerinnen ihrer Zeit.

Doch großes Talent und ihre mitreißende Spielfreude allein waren nicht ausschlaggebend für den Erfolg. Dahinter steckte harte Arbeit. Jeden ihrer Auftritte bereitete Grete Fluss akribisch vor, auch wenn ihr das Improvisationstalent stets Spielräume für spontane Einlagen und Kontakt zum Publikum ließ. Unterstützt wurde sie in jeder Hinsicht von ihrem Ehemann und Agenten Ludwig Westkamp.
Ein Höhepunkt ihrer Karriere war 1930 ihr Auftritt in dem Stück „Die Fastelovendsprinzessin“, in dem sie die Titelrolle übernahm. Mit dem von Willi Ostermann eigens für die Revue komponierten Lied „Och wat wor dat fröher schön doch in Colonia“ riss sie ihr Publikum zu wahren Begeisterungsstürmen hin. Der Text traf genau den Nerv der Zeit. Seit der Jahrhundertwende hatte sich die Einwohnerzahl Kölns fast verdoppelt. 1930 lebten etwa 740 000 Menschen in der Domstadt. Viele hatten den Eindruck, dass es das alte, gemütliche und eher überschaubare Köln nicht mehr gab, dass man seine eigene Stadt nicht mehr wiedererkannte. Aufgeführt wurde die „Fastelovendsprinzessin“ im Theater Groß-Köln in der Friesenstraße (heute Sartory-Säle), das 1912 eröffnet hatte und im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde.
Der Kriegsausbruch 1939 unterbrach Grete Fluss´ Bühnenkarriere für mehrere Jahre. Erst 1946/47 ging es allmählich wieder los, zunächst im Kölner Varieté-Theater Tazzelwurm an der Zülpicher Straße, einer der wenigen erhaltenen größeren Säle in der kriegszerstörten Stadt. Wenig später wurde ein vom Zirkus Williams errichteter Mehrzweckbau mit 2.500 Plätzen eröffnet. Der Williamsbau, in dem Grete Fluss 1949 auftrat und mit einer Reiteinlage auf einem Elefanten begeisterte, befand sich im Inneren Grüngürtel gegenüber dem Aachener Weiher (heute Carola-Williams-Park) und wurde 1956 abgerissen.
Eine Glanzrolle übernahm Grete Fluss erneut, als sie 1950 im Kölner Rosenmontagszug als „Mutter Colonia“ auftrat, als sichtbares Zeichen der Hoffnung, dass es in den Nachkriegsjahren schon bald wieder aufwärts gehen würde.

Nachdem sie im Laufe ihrer Karriere in mehr als dreißig Revuen mitgewirkt hatte, beschloss die Künstlerin 1956, sich allmählich ins Privatleben zurückzuziehen. Sie hatte fast das „Rentenalter“ erreicht, zudem machten ihr gesundheitliche Probleme zu schaffen. Hin und wieder stand sie aber doch noch auf der Bühne, bis sie sich 1962 mit der Revue „Do sidder baff“ endgültig von ihrem Publikum verabschiedete.
Die letzten Jahre verbrachte sie gemeinsam mit ihrem Ehemann in Unkel am Rhein, wo das Paar seit den Dreißiger Jahren neben ihrer Wohnung am Kölner Hohenzollernring ein Haus besaß. Am 27. Juli 1964 starb Grete Fluss in Unkel und wurde auf dem dortigen evangelischen Friedhof beigesetzt. Auf ihrem Grabstein, der eine Theaterbühne imitiert, ist zu lesen: Geliebt und verehrt von Millionen – Uns Griet. Trotzdem ist sie leider in Vergessenheit geraten.

Karin Feuerstein-Prasser
Quelle:
- Gérard Schmidt, Kölsche Stars, Köln 1992
- Grete Fluss auf der Internetseite www.kölner-karneval.de.musikerkomponisten
- Thomann, Björn, Grete Fluss, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/grete-fluss-/DE-2086/lido/57c6be4bd71db9.26173756 (abgerufen am 16.02.2026)
- 50 Jahre – Grete Fluss – Uns Griet, Kölner Bilder Buch Verlag, Rodenkirchen Köln, 1954