Vorgeschichte

Der Verein Frauen gegen Erwerbslosigkeit e. V. setzt sich seit seiner Gründung für die Interessen erwerbsloser Frauen und die Chancengleichheit für Frauen am Arbeitsmarkt ein.

Prägend bei der Gründung des Vereins, war die kritische Auseinandersetzung mit dem gängigen Arbeitsbegriff. Die Gründerinnen haben bewusst den Begriff Erwerbslosigkeit statt Arbeitslosigkeit gewählt. Frauen erledigen weltweit den größten Anteil der unbezahlten Arbeit im privaten Bereich – die sog. Care- oder Sorgearbeit. Sie übernehmen den größten Teil der Hausarbeit, die Erziehung und Betreuung der Kinder, die familiäre Unterstützung oder häusliche Pflege von Angehörigen. Frauen sind demnach nicht arbeitslos, sondern die geschlechtsbezogene Arbeitsteilung grenzt sie strukturell aus der bezahlten Erwerbsarbeit aus. Die daraus entstehenden Folgen für Hausfrauen sind auch heute noch aktuell, es sind unter anderem:

Plakataktion 1995: Frauen oft ohne Lohn, nie ohne Arbeit
Plakataktion 1995, © Frauen gegen Erwerbslosigkeit e. V.
  • keine eigenständige finanzielle Absicherung,
  • geringe berufliche Entwicklungsmöglichkeiten und
  • drohende Altersarmut.

Als Teil der autonomen Frauenbewegung der 80er Jahre organisierten wir bundesweite Kongresse für erwerbslose Frauen, zum Beispiel zum garantierten Mindesteinkommen und grenzten uns scharf von der Forderung „Lohn für Hausarbeit“ ab. 

Parallel entwickelten wir konkrete Unterstützungsangebote für erwerbslose Frauen. Der Selbsthilfeansatz prägte über viele Jahre hinweg die Vereinsarbeit. Die Resonanz auf unsere Beratungs- und Weiterbildungsangebote war groß und das wöchentliche „Erwerbslosenfrühstück“ legendär. Unsere Angebote folgen bis heute dem gleichen Grundprinzip. Mit Wertschätzung, Informationen zu ihren Rechten und Beratung stärken wir die Würde und das Selbstvertrauen der Frauen und begleiten sie Schritt für Schritt auf dem Weg in die Erwerbsarbeit. Es ist uns immer noch wichtig, soziale bzw. pädagogische Arbeit mit politischen Forderungen und Aktivitäten zu verbinden. So ist der Verein nicht nur in Netzwerken und Arbeitskreisen, sondern immer wieder auch auf der Straße aktiv.

Inhaltliche und organisatorische Entwicklung

Wir begannen unsere Arbeit als Kollektiv, jede Arbeit hatte für uns den gleichen Wert und wenn das Geld ausreichte, wurde Einheitslohn gezahlt. Meist arbeiteten wir jedoch unbezahlt.

1985 sorgten wir mit unserer Aktion „Frauen stürmt die Arbeitsämter“ bundesweit für Furore. Wir forderten Frauen auf, sich arbeitslos zu melden, auch wenn kein Anspruch auf Leistungen bestand. Unsere Aktion hat das Bewusstsein über geschönte Zahlen in der Arbeitslosenstatistik und über die Erwerbslosigkeit von Frauen geschärft. 

Zwischenzeitlich wurden wir staatlich gefördert, was Diskussionsprozesse in Gang setzte. Die in vielen autonomen Frauenprojekten kontrovers geführte politische Debatte um „Staatsknete“ erreichte auch uns. Die einen haben darin eine Bedrohung für die Unabhängigkeit der Frauenprojekte und die feministischen Freiräume gesehen, die anderen argumentierten, dass durch eine staatliche Unterstützung dokumentiert werde, dass Frauen Lohn für ihre Arbeit zustehe. Wir wollten für unsere Arbeit bezahlt werden und mussten unsere Existenz sichern, also entschieden wir uns für das Modell „öffentliche Förderung“. 

Im Jahr 1998 gab es eine wichtige Zäsur in der Vereinsgeschichte. Wir wollten mehr Diversität und schufen durch Einstellung von Mitarbeiterinnen mit Zuwanderungsgeschichte ein interkulturelles, mehrsprachiges Team.

2005 beschloss die damalige rot/grüne Bundesregierung mit der „Agenda 2010“ das „Arbeitslosengeld II (Hartz IV)“ und das Konzept des „Förderns und Forderns“. Hartz IV ist bis heute die bekannteste Chiffre für Sozialabbau. Durch die Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe wurden die staatlichen Transferleistungen massiv abgesenkt. Die Zahl der prekären Arbeitsverhältnisse ist rasant gestiegen, besonders betroffen waren Frauen. Kinderarmut und verminderte Bildungschancen verfestigten sich. Der Bedarf an Beratung und Unterstützung für von Armut betroffene und bedrohte Frauen ist seitdem stetig gewachsen. Der neoliberale Kerngedanke der Agenda 2010 betrifft sowohl die Bezieher*innen von ALG II, als auch die sog. „Dienstleister am Arbeitsmarkt“ und damit auch uns. Kleine, frauenspezifische Träger wie wir, haben kaum noch Chancen im Konkurrenzkampf mit den großen, gemischtgeschlechtlichen, finanzstarken Trägern.

Wir haben trotzdem unsere Arbeit fortgesetzt und weiterentwickelt. Zahlreiche Frauen haben zum Erfolg des Vereins beigetragen. Von den Vereinsgründerinnen engagiert sich heute noch Brigitte Erdweg für den Verein und ist zusammen mit Alexandra von der Heide als ehrenamtlicher Vorstand aktiv. Die langjährigen Mitarbeiterinnen Karin Hofmann (als Geschäftsführerin) und Sima Rastin (als Koordinatorin für den Beratungsbereich) haben seit den 1990er Jahren maßgeblich an dem Aufbau und der Entwicklung der Vereinsarbeit mitgewirkt.

Der Verein hat heute seinen Sitz am Wilhelmsmarkt in Köln Nippes. Die hellen Räume sind barrierefrei und kinderfreundlich gestaltet. 2022 arbeiten insgesamt 12 hauptamtliche Mitarbeiterinnen in Voll- oder Teilzeit im interdisziplinären Team, zuzüglich Honorarmitarbeiterinnen und Ehrenamtlerinnen. Beratungen können in 12 Sprachen übersetzt werden: Persisch (Farsi), Türkisch, Arabisch, Kurdisch, Russisch, Tigrinya, Aserbaidschanisch, Aramäisch, Bulgarisch, Englisch, Französisch, und Spanisch.

Der Verein hat ein Qualitätsmanagementsystem eingeführt und ist nach AZAV zertifiziert.

Unsere Arbeit

In unserer weltanschaulich neutralen Beratungsstelle richten sich die Angebote an alle Frauen, unabhängig von sozialer, kultureller oder ethnischer Herkunft, Religion, sexueller Orientierung, Sprachkenntnissen oder Aufenthaltsstatus. Zu unseren Zielgruppen gehören erwerbslose und von Erwerbslosigkeit bedrohte Frauen, Alleinerziehende, Berufsrückkehrerinnen, Frauen mit Zuwanderungsgeschichte oder geflüchtete Frauen. Ein zunehmend nachgefragter Schwerpunkt bildet die Beratung von Transgender und queer orientierten Menschen mit Migrationshintergrund. Der Verein versteht sich als Treffpunkt zum Austausch und zum Kennenlernen.

Unser Angebot umfasst:

  • Offene Beratung: Unterstützung im Umgang mit Behörden und bei der Beantragung von sozialen Leistungen sowie Beratung zur Berufswegeplanung, bei Fragen zu Weiterbildung, zum beruflichen (Wieder)einstieg oder zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
  • Arbeitslosenzentrum: niedrigschwellige Angebote für interessierte Ratsuchende: zum Beispiel eine offene Bewerbungswerkstatt oder Kurse zur Förderung von Sprache und Konversation, Alphabetisierung oder Kreativangebote. Der „Offene Treff“ findet regelmäßig wöchentlich als „Infocafé“ statt und wird nach wie vor gut besucht. Eingeladen werden Referent*innen aus der Schuldnerhilfe, Verbraucherberatung, Pro Familia, Erziehungsberatung, Ausbildungsberatung und so weiter.
  • Projekte: Darüber hinaus haben wir in Kooperation mit dem Jobcenter ein Projekt zur psychosozialen Stabilisierung für erwerbslose Migrantinnen ab 40 Jahren, ein Projekt zur Unterstützung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf für junge Mütter mit Migrationshintergrund, ein Sprachcafé für geflüchtete Frauen sowie Angebote zur Gesundheitsförderung und Resilienz bei Arbeitslosigkeit geschaffen. Unser Ziel ist es, die Selbsthilfefähigkeiten der Ratsuchenden zu stärken.

Strukturell setzen wir uns für sozialpolitische Veränderungen und Partizipation ein und sind fest im Kölner Hilfenetz verankert. Wir arbeiten mit in verschiedenen regionalen und überregionalen Bündnissen gegen Armut, Ausgrenzung, Gewalt gegen Frauen, Sexismus, Rassismus und Antisemitismus.

Finanzielle Situation, Fördermittel

Die finanzielle Situation des Vereins ist immer noch ungesichert. Projektlaufzeiten und Arbeitsverträge sind befristet. Finanziert werden die Projektangebote aktuell durch das Jobcenter, die Stadt Köln, den Europäischen Sozialfonds, Stiftungen und Spenden. Es gab viele finanzielle Rückschläge. 2015 entschied sich die Landesregierung gegen eine weitere Förderung als Erwerbslosenberatungsstelle. Ab 2021 hat das Land dann die Förderung der Arbeitslosenzentren eingestellt. Unsere offene Beratung stand damit vor dem Aus.

Mit Hilfe vieler Unterstützer*innen haben wir für eine Finanzierung durch die Stadt Köln gekämpft und dem Rat der Stadt Köln eine Petition mit 2.500 Unterschriften von Unterstützer*innen überreicht, mit Erfolg: für 2022 haben wir eine Förderzusage erhalten. Das freut uns sehr, aber wir wissen auch, dass wir noch einen langen Weg vor uns haben, bis das offene Beratungsangebot gesichert ist.

Übergabe der Petition mit 2500 Unterschriften an die Stadt im September 2021: Beratung für erwerbslose Frauen muss bleiben
Übergabe der Petition an die Stadt Köln im September 2021, © Frauen gegen Erwerbslosigkeit e. V.