Seit 1933 wurden jüdische Ärztinnen und Ärzte zunehmend ausgegrenzt und mit Berufsverbot belegt. Zu ihnen gehörte auch die beliebte Kölner Kinderärztin Dr. Alice Haubrich-Gottschalk. Durch ihre sogenannte „Mischehe“ mit dem Rechtsanwalt und Kunstmäzen Dr. Josef Haubrich war sie zunächst noch vor Verhaftung, Internierung und Deportation geschützt. Doch in den letzten Kriegsjahren fielen alle Schranken. Als Alice Haubrich-Gottschalk im Februar 1944 von der Gestapo vorgeladen wurde, nahm sich die Ärztin mit einer Kapsel Zyankali das Leben. Heute erinnert ein Stolperstein vor ihrem früheren Wohnhaus Eugen-Langen-Straße 29 im Stadtteil Marienburg an das tragische Schicksal der Kölner Kinderärztin.
Am 11. Januar 1892 wurde Alice Grabowski im westpreußischen Konitz geboren. Sie wuchs in einer streng-jüdischen Familie auf, die 1899 ins Bergische Land umzog. Ihr Vater übernahm damals die Synagogengemeinde Elberfeld (heute Wuppertal), und Alice besuchte nun die höhere Mädchenschule im benachbarten Barmen. Nach bestandenem Abitur 1910 beschloss sie, Medizin zu studieren und Kinderärztin zu werden. Vielleicht hatte die Eröffnung einer Säuglingsstation in Barmen den Wunsch in ihr geweckt, die Lebenschancen und -bedingungen von kleinen Kindern zu verbessern, zu jener Zeit ein wichtiges Anliegen fortschrittlicher Kinderärzte. Auf jeden Fall begann sie in Bonn mit dem Medizinstudium und beendete es1916 mit der Promotion und der Note „sehr gut“ beendete. Am 1. Mai des Jahres erhielt Alice Grabowski die Approbation zur Kinder- und Frauenärztin.

Es ist nicht bekannt, wo sie in den Wirren des Ersten Weltkriegs mit ihrer Arbeit begann. Fest steht hingegen, dass sie inzwischen mit dem Zahnarzt Dr. Fritz Gottschalk verheiratet war. Aber erst 1918 konnte sie als Assistenzärztin an den Krankenanstalten Köln-Lindenthal arbeiten und erstmals mit ihrem Ehemann zusammenleben. Bis Mitte der 1920er Jahre praktizierte das Ehepaar in gemeinsamen Praxisräumen am Hohenzollernring 22. Daran änderte sich auch nichts durch die Geburt von Tochter Anneliese, die am 20. Oktober 1920 zur Welt kam. Doch die Ehe mit Gottschalk wurde am 17. August 1926 geschieden.
Zu diesem Zeitpunkt scheint sich Alice Gottschalk bereits einen größeren Kreis kleiner Patientinnen und Patienten aufgebaut zu haben. Offensichtlich war sie in der Lage, den Lebensunterhalt für sich und ihre kleine Tochter sowie deren Betreuung zu finanzieren.
Nach wenigen Jahren lernte sie den renommierten Kölner Rechtsanwalt und Kunstmäzen Dr. Josef Haubrich (1889-1961) kennen, verwitweter Vater von zwei Kindern. Am 25. Juli 1929 heirateten die beiden und lebten künftig als „Patchwork-Familie“ zusammen. Haubrichs Kinder Karl-Klaus (*1917) und Ruth-Luise (*1919) wuchsen zusammen mit Alice´ s Tochter Anneliese auf.
Das Ehepaar verkehrte in der Kölner Künstlerszene, die damals von Vertretern der „Neuen Sachlichkeit“ geprägt wurde, vor allem durch Anton Räderscheid und seine Frau Martha Hegemann sowie Heinrich Hoerle, dessen 1923 verstorbene Ehefrau Angelika sich ebenfalls als avantgardistische Malerin einen Namen gemacht hatte. Dr. Josef Haubrich, stellvertretender Vorsitzender des Kölnischen Kunstvereins, sammelte seit dem Ersten Weltkrieg moderne Kunst, vor allem Bilder expressionistischer Maler.
Während Haubrich mit seinem Freund Heinrich Bodenheim eine florierende Wirtschaftskanzlei führte, praktizierte Alice Haubrich-Gottschalk als Kinderärztin in ihrer Praxis am Hohenstaufenring 61. Das unbeschwerte Leben endete jäh mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933. Als Jüdin geriet nicht nur Alice selbst in den Fokus des Regimes, sondern auch ihr katholischer Ehemann. Weil der sich weigerte, sich von seiner jüdischen Ehefrau scheiden zu lassen, entzog man ihm den stellvertretenden Vorsitz des Kölnischen Kunstvereins. Zudem musste er die Anwaltskanzlei verlassen, in der er mit seinem Freund gearbeitet hatte. Haubrich eröffnete nun eine eigene Kanzlei in seiner Villa in Köln-Marienburg.
Alice Haubrich-Gottschalk litt zunehmend unter den Repressionen durch die Nationalsozialisten, auch wenn sie durch die sogenannte „Mischehe“ mit einem Katholiken zumindest vorerst geschützt war. Doch im Juli 1938 musste sie ihre Praxis aufgeben, denn damals wurde allen jüdischen Ärztinnen und Ärzten die Approbation entzogen. Und die Bedrohung rückte immer näher. In der Reichspogromnacht am 9. November 1938 brannten nicht nur die Synagogen in der Roonstraße, in der Glockengasse und in der St.-Apern Straße. Nazihorden zogen marodierend durch die Kölner Straßen, verwüsteten jüdische Geschäfte und Wohnungen und misshandelten zahllose Jüdinnen und Juden.
Alice Haubrich-Gottschalk ahnte, dass ihr nur noch eine „Schonfrist“ verblieb. Als Ärztin, die leichten Zugang zu allen Medikamenten hatte, sicherte sie sich eine Kapsel Zyankali, die sie seitdem stets bei sich trug. Ende 1941 begann die Deportation der jüdischen Bevölkerung in die Konzentrationslager. Sie wurden zunächst auf dem Messegelände interniert und von dort aus mit Zügen vorwiegend nach Theresienstadt gebracht.
1943 gelang es dem Ehepaar Haubrich, Tochter Anneliese in Wien als Krankenschwester unterzubringen. In der Endphase des Krieges gelang ihr schließlich die Flucht nach Dänemark. Wie es heißt, soll Haubrich auch versucht haben, Alice im Ausland in Sicherheit zu bringen. Warum es nicht dazu kam, ist unklar. Wollte sie sich nicht von ihrem Mann trennen oder gab es andere Gründe? Hatte sie damals schon beschlossen, sich das Leben zu nehmen?
Als Alice Haubrich-Gottschalk am 10. Februar 1944 eine Vorladung zur Gestapo erhielt, schluckte sie unverzüglich die Zyankali-Kapsel, die sie schon „seit Jahren“ bei sich trug. Sie wurde auf dem Kölner Westfriedhof beigesetzt.
Ihre Tochter Anneliese kehrte nach Kriegsende zurück nach Köln, studierte Medizin und arbeitete später als Assistenzärztin in der Neurologischen Klinik. Josef Haubrich hat noch zweimal geheiratet, zuletzt 1960 Lucy Millowitsch aus der bekannten Kölner Theaterfamilie. Sie war es auch, die nach dem Tod ihres Mannes 1961 dafür sorgte, dass die sterblichen Überreste von Alice Haubrich-Gottschalk ins Familiengrab auf dem Melaten Friedhof überführt wurden.
Kölner Frauengeschichtsverein